20 Jahre Keltendorf Sünna: Geschichte zum Anfassen, Erleben & Staunen

Beitrag von Martin Veltum

Das war weit mehr als ein Jubiläum: Rund um die Nachbildung einer keltischen Siedlung am Fuße des Öchsenbergs wurde Geschichte lebendig und für Besucher jeden Alters unmittelbar erfahrbar.

Wo vor rund 2500 Jahren eine keltisch geprägte Siedlung auf dem Öchsenberg bestand, entstand 2004 (Baubeginn) das Keltendorf Sünna als historische Rekonstruktion. 2006 fand die feierliche Eröffnung statt.

Die Anlage liegt idyllisch in der Rhön und erinnert an die einstige Bedeutung des Öchsenbergs als Siedlungs- und Verkehrsraum. Archäologische Untersuchungen weisen dort auf eine ausgedehnte befestigte Siedlung hin, deren Entwicklung von der Späthallstattzeit bis in die mittlere La-Tène-Zeit reicht.

Zum 20-jährigen Bestehen zeigte sich eindrucksvoll, was entstehen kann, wenn Menschen ihre Begeisterung für Geschichte mit handwerklichem Können, Fachwissen und großem persönlichem Engagement verbinden.

Mit Herz, Sachverstand und Hingabe

Die zahlreichen Mitwirkenden waren dabei nicht lediglich Darsteller. Sie verstanden sich als Vermittler von Geschichte – authentisch, anschaulich und immer wieder mit einer guten Portion Humor.

Ob Handwerk, Ernährung, Bewaffnung, Schmuck oder Alltagsleben: Die Besucher konnten historische Themen nicht nur betrachten, sondern erleben.

Besonders für Kinder wurde Geschichte zum Erlebnis. Zahlreiche Angebote machten deutlich, dass historische Bildungsarbeit keineswegs trocken sein muss.

Ton, Töpferscheibe und keltisches Handwerk

Tonwaldweib Michaela Fischer demonstrierte verschiedene historische Tontechniken. Ein besonderer Anziehungspunkt war die fußbetriebene Töpferscheibe. Unter fachkundiger Anleitung konnten Kinder mit der Daumentechnik kleine Gefäße herstellen.

Gerade solche praktischen Angebote vermitteln einen wichtigen Aspekt vergangener Lebenswelten: Keramik war für Vorratshaltung, Zubereitung und Transport von Lebensmitteln von zentraler Bedeutung.

Gleichzeitig zeigen handgefertigte Gefäße, wie viel handwerkliches Können bereits in scheinbar einfachen Alltagsgegenständen steckte.

„Brennos Freunde“ zum fünften Mal dabei

Eine besondere Bereicherung des Jubiläums waren erneut die „Brennos Freunde“ aus Sand am Main in Unterfranken. Vorsitzender Elmar Rippstein zeigte sich beeindruckt vom Keltendorf und unterstrich, dass der Verein bereits zum fünften Mal zu Gast in Sünna war.

„Brennos Freunde“ beschäftigen sich insbesondere mit der keltischen Kultur der Eisenzeit und vermitteln Geschichte durch experimentelle Darstellung.

Zum Repertoire gehören unter anderem Bronzeguss, Bogenschießen, Speer- und Axtwerfen sowie die Präsentation historischer Artefakte. Der Verein beschreibt sich als keltische Interessengemeinschaft, die sich intensiv mit Lebensweise, Technik und Kunstfertigkeit der Kelten beschäftigt.

Damit wird Geschichte nicht nur erklärt, sondern praktisch nachvollziehbar: Metallverarbeitung, Waffenhandwerk und handwerkliche Fertigkeiten gehörten zu wesentlichen Bestandteilen der damaligen Lebenswelt.

Artefakte erzählen Geschichten

Pascal Böhnlein, Spezialist für historische Artefakte, nahm sich viel Zeit für die Besucher. Mit umfangreichem historischem Hintergrundwissen erläuterte er Funde, Schmuck und Werkzeuge und erklärte, welche Rückschlüsse solche Gegenstände auf das Leben der Menschen zulassen.

Besonderes Interesse galt dem Tüllenbeil. Bei diesem Werkzeug beziehungsweise dieser Waffe wird der Schaft in eine hohle Tülle eingesetzt. Solche Metallgegenstände verdeutlichen die hohe Qualität der eisenzeitlichen Metallverarbeitung.

Auch keltischer Schmuck war weit mehr als bloße Zierde. Fibeln dienten beispielsweise als funktionale Gewandverschlüsse, während Glas-, Bernstein- oder Metallperlen, Armringe und andere Schmuckelemente zugleich sozialen Status, handwerkliches Können und weitreichende Handelskontakte widerspiegeln konnten.

Kelten und Germanen nebeneinander

Eine interessante historische Perspektive eröffnete die Germanendarstellung von Volker Weist und Melanie Hummel aus Frankreich sowie Max Danz aus Fambach.

Auf Einladung des Historikavereins konnten die Besucher damit nicht nur in die keltische Welt eintauchen, sondern auch eine andere historische Lebenswelt kennenlernen.

Die Darstellung machte deutlich, dass die Geschichte Mitteleuropas nicht aus isolierten Epochen und Völkern bestand, sondern von vielfältigen kulturellen Kontakten und Entwicklungen geprägt war.

Brot aus dem Lehmbackofen

Peter und Carina Martin vom örtlichen Historikaverein widmeten sich einem der ursprünglichsten Themen menschlicher Kulturgeschichte: dem Brotbacken.

Im historischen beziehungsweise keltisch nachempfundenen Lehmbackofen wird die gespeicherte Wärme der zuvor erhitzten Ofenmasse genutzt.

Nach dem Anheizen wird das Feuer beziehungsweise die Glut entfernt oder zur Seite geschoben; anschließend backen die Teiglinge in der gespeicherten Strahlungs- und Konvektionswärme.

Der Duft frisch gebackenen Brotes zog durch das Keltendorf – und natürlich blieb es nicht beim Zuschauen. Das Brot durfte anschließend auch probiert werden.

Bogenschießen für Jung und Alt

Beim Bogenschießen konnten Besucher selbst ausprobieren, wie viel Geschick, Konzentration und Körperbeherrschung hinter dem Umgang mit einem Bogen stecken.

Frank Pogrzeba, vielen als „Boxer“ bekannt, sowie Ina Brunn, Jens Reichert und Alexander Schäffner sorgten für fachkundige Anleitung.

Dabei stand nicht nur der Spaß im Mittelpunkt: Die Teilnehmer erhielten auch Hinweise zu sicherem Umgang mit dem Sportgerät, Körperhaltung, Zieltechnik und Schussablauf. So wurde aus einer historischen Darstellung ein eigenes Erlebnis.

Ein Keltendorf mit Bildungsauftrag

Das Keltendorf Sünna versteht sich nicht nur als touristische Attraktion. Die Anlage wird vom Historika e.V. ehrenamtlich gepflegt und erhalten und durch Spenden getragen. Der Eintritt ist frei. Das rekonstruierte Dorf mit seinen Gebäuden, Schautafeln und Erläuterungen vermittelt einen Eindruck vom damaligen Leben.

Regelmäßig besuchen auch Schulklassen und andere Gruppen die Anlage. Beim Brotbacken, bei Handwerksvorführungen und an den verschiedenen Stationen wird Geschichte buchstäblich „zum Anfassen“.

Damit erfüllt das Keltendorf einen wichtigen Bildungsauftrag: Archäologische und historische Inhalte werden nicht allein über Texte vermittelt, sondern durch eigenes Sehen, Hören, Riechen, Ausprobieren und Mitmachen.

Idee aus der Rhön wird weitergetragen

Zu den Ehrengästen des Jubiläums gehörten Herbert und Annerose Stütz aus der Rhön. Sie waren bereits vor rund 25 Jahren Ideengeber für das Keltendorf und legten damit den Grundstein für eine Entwicklung, die bis heute fortgeführt wird.

Ihre Freude darüber, dass die ursprüngliche Idee Bestand hat und von nachfolgenden Generationen weitergetragen wird, war beim Jubiläum deutlich spürbar. Auch der Rhönklub ist in das Umfeld der historischen und touristischen Vermittlung eingebunden.

„Ein historisch anspruchsvolles, belebtes Dorf“

Torsten Stütz, Inhaber des Keltenhotels Sünna und Vorstandsmitglied des Vereins, blickte beim Jubiläum mit Dankbarkeit auf zwei Jahrzehnte Keltendorf zurück: „20 Jahre Keltendorf Sünna stehen für eine Idee, die nur durch viele engagierte Menschen Wirklichkeit werden konnte.

Unser Ziel war es von Anfang an, ein historisch anspruchsvolles und zugleich belebtes Dorf zu präsentieren, in dem Geschichte nicht hinter Glas verschwindet, sondern unmittelbar erlebt werden kann.

Mein besonderer Dank gilt allen Organisatoren, Mitwirkenden, Unterstützern und ehrenamtlich Engagierten, die ihre Zeit, ihr Wissen und ihre Leidenschaft eingebracht haben. Sie alle tragen dazu bei, dass dieses besondere Stück Geschichte in der Rhön lebendig bleibt und auch für kommende Generationen erhalten wird.“

Mit viel Teamarbeit zum Jubiläumswochenende

Auch Michael Frank, Vorstandsmitglied des Vereins und Koch im Keltenhotel, war maßgeblich an der Organisation beteiligt. Das Jubiläumswochenende sei insbesondere durch die gute Zusammenarbeit vieler Beteiligter möglich geworden.

In Teamarbeit wurde ein Wochenende auf die Beine gestellt, das historische Darstellung, Begegnung und authentische kulinarische Angebote miteinander verband.

Gerade das gemeinsame Arbeiten vieler Gleichgesinnter mache den besonderen Charakter des Keltendorfes aus.

Die Arbeit geht weiter

Mit dem Jubiläum ist die Geschichte des Keltendorfes keineswegs abgeschlossen. Der Verein ist weiterhin äußerst aktiv. Neben zahlreichen Erhaltungs- und Pflegearbeiten wird derzeit unter anderem eine keltische Mauer mit Wehrgang aufwendig rekonstruiert.

Damit bleibt das Keltendorf ein lebendiges Projekt, das sich stetig weiterentwickelt und zugleich seinem ursprünglichen Anspruch treu bleibt: Geschichte anschaulich, fachlich fundiert und mit Begeisterung zu vermitteln.

Ein besonderer Dank an alle Beteiligten

Das 20-jährige Jubiläum hat eindrucksvoll gezeigt, welchen Wert ehrenamtliches Engagement für die regionale Kultur- und Geschichtsvermittlung besitzt.

Organisatoren, Vereinsmitglieder, Darsteller, Handwerker, Unterstützer und Helfer haben gemeinsam dafür gesorgt, dass die Besucher nicht nur ein Dorf aus Holz, Lehm und Geschichte sahen – sondern eine lebendige Vorstellung davon bekamen, wie Menschen vor vielen Jahrhunderten gelebt, gearbeitet und gegessen haben könnten.

Das Keltendorf Sünna ist damit weit mehr als eine rekonstruierte Siedlung. Es ist ein Ort der Begegnung, des Lernens und der Erinnerung – getragen von Menschen, die ihre Leidenschaft für Geschichte mit anderen teilen.

20 Jahre Keltendorf Sünna sind deshalb vor allem 20 Jahre gelebtes Ehrenamt, Begeisterung und gemeinsames Engagement für die Geschichte der Rhön.