Gastbeitrag von Manuela Henkel
Trotz des regnerischen Wetters fanden sich am Sonntagnachmittag knapp 60 Wanderfreunde an der „Heile Schern“ in Spahl ein, um sich auf eine etwa sechs Kilometer lange geführte Wanderung durch das einstige Sperrgebiet zu begeben.
Begrüßt wurden sie von Manuela Henkel, Vorsitzende des CDU-Ortsverbandes Geisaer Land. Ein besonders herzliches Willkommen richtete sie an Wanderführerin Maria Laßlop, die aus Spahl stammt und heute in Geisa wohnt.
Erste Station der Wandergruppe war die Spahler Grotte. Dort sangen die Teilnehmer gemeinsam „Segne du Maria“. Erbaut wurde die Andachtsstätte 1941, mitten im Zweiten Weltkrieg, von den Einwohnern von Spahl.
„Man suchte hier in den Kriegswirren Zuversicht und Hoffnung“, erläuterte Maria Laßlop. Der Ort diente zugleich dem Gedenken an die gefallenen Soldaten aus Spahl, die nicht mehr heimkehrten.
Bartholomäus Wilhelm stellte damals sein privates Grundstück für den Bau zur Verfügung. „Noch heute wird jedes Jahr am Verlobten Tag in Spahl die Messe für seine Familie gehalten„, wusste Regina Hohmann aus Spahl zu erzählen.
Vor einigen Jahren wurde die Grotte umfangreich saniert; aufgestellt wurde dabei eine Kopie der Muttergottesstatue. Das Original befindet sich in der Spahler Kirche.
Weiter ging es zur Spahler Hütte, von der aus die Gruppe einen weiten Blick in die Ferne genießen konnte.
„Die Wanderhütte hatten die Spahler von den Einnahmen ihres Dorfjubiläums 1.200 Jahre Spahl gebaut, welchen 2017 gefeiert wurde“, berichtete Maria Laslop. Heute ist die Hütte ein beliebtes Ausflugsziel und ein Ort für geselliges Beisammensein.
Ein kurzer Abstecher führte zum ehemaligen Jakobshof in der Nähe der Hütte. Das Gehöft brande 1935 ab. Die dort ansässige Familie zog nach Spahl und baute parallel den Hof wieder auf. Kurze Zeit nach dem Wiedereinzug kam 1952 der Evakuierungsbescheid.
„Keiner aus der Familie wusste den Grund und auch nicht, wo es hinging“, berichtete Maria Laßlop. „Also packte man kurzfristig alles auf einen Wagen und schaffte es noch gerade über die Grenze nach Hessen“, schilderte die Wanderführerin die Ereignisse.
Zu dem zwölf Hektar großen Hof gehörte auch eine gepflegte Streuobstwiese mit zahlreichen Obstbäumen. Nachkommen der Familie kümmern sich heute wieder darum, vom Hof sind nur noch einige Fundamente zu sehen.
Über den Totenweg zog die Wandertruppe schließlich in Richtung Reinhards. „Der Weg war einst die Strecke, auf der die Toten von Reinhards nach Spahl getragen wurden“, erklärte Maria Laßlop.
Reinhards besaß keinen eigenen Friedhof. Erst später wurde im Ort eine kleine Kapelle errichtet. Edmund Wassermann aus Reinhards kann sich noch gut an vieles von früher erinnern.
In der Kapelle „Maria Heimsuchung“ erzählte er nicht nur die Geschichte des kleinen Gotteshauses, sondern gab auch die eine oder andere Anekdote aus seiner Kindheit zum Besten.
„Bei Wind und Wetter mussten wir nach Spahl in die Schule, zur Kirche oder zum Einkauf laufen“, so Wassermann. „Später nahm das Milchauto die Jungen und Mädchen aus Reinhards mit, bis dann endlich ein Bus fuhr.“
Von ihm erfuhren die Wanderer auch, dass die Kapelle 1857 als privates Vorhaben von seinem Ururgroßvater Christian Wassermann erbaut wurde.
Als 1861 in Spahl Firmung war, bat man den damaligen Fuldaer Bischof Christoph Florentius Kött um die Einsegnung; auf seinen Wunsch hin wurde das Gebäude etwas vergrößert.
1880 überließ Christian Wassermann das Gotteshaus nach Verhandlungen der Gemeinde. 1910 folgten eine Restaurierung und eine neue Ausmalung.
1970 wurde der alte Teil abgerissen und neu gebaut, ebenso entstanden ein neuer Turm und es kam eine Glocke aus Ketten hinzu. Im Gegenzug ging der Kreuzweg von Reinhards nach Ketten. 1996 gab es nochmals größere Sanierungsarbeiten.
Auch aus dem Leben im ehemaligen 500 Meter Sperrgebiet wusste Edmund Wassermann vieles zu berichten. Reinhards war der westlichste Punkt der DDR und des gesamten ehemaligen Warschauer Paktes.
Der Ort lag unmittelbar im besonders abgeriegelten 500 Meterraum an der innerdeutschen Grenze. Edmund Wassermann berichtete, wie sich das auf den Alltag auswirkte: „Als Kind habe ich nicht viel mitbekommen, man lebte auf dem Bauernhof, da gab es viel zu tun. Erst später als Jugendlicher habe ich mir Gedanken gemacht, warum man von außerhalb immer einen Passierschein brauchte, um nach Reinhards zu kommen.“
„Man wollte Reinhards von Seiten des DDR-Regimes auslöschen“, betonte Maria Laßlop. Sie berichtete von Zwangsevakuierungen und Einschüchterungsversuchen. Ebenso wies sie auf die Geschichte des nahegelegenen Wassermannshofes hin, der ebenso geschleift wurde.
„Ich selbst wäre nie in den Westen gemacht“, sagt Edmund Wassermann ehrlich. Eines Tages hätten seine Eltern ihn und seine Geschwister der Reihe nach vor sich hingesetzt und sie eindringlich ermahnt: „Ihr wisst, was mit uns passiert, wenn einer von euch abhaut!“
Die harten Repressalien des DDR-Regimes, aber auch die kargen Bedingungen zu früheren Zeiten wirkten sich auch auf die Einwohnerzahlen des Ortes aus.
Lebten Anfang des 19. Jahrhunderts in Reinhards noch über 100 Menschen, so sind es heute noch rund 15 Einwohner.
Zur Erinnerung an die Zeit als westlichster Ort an der Grenze mit all den Herausforderungen für die dort lebenden Menschen wurde oberhalb von Reinhards vor einigen Jahren von der Stadt Geisa der Friedenstisch mit Friedensskulptur errichtet, maßgeblich getragen vom ehrenamtlichen Engagement der Einwohner.
Dort steht die Grenzgeschichte mit all ihren persönlichen Schicksalen des einst westlichsten Ortes des ehemaligen Warschauer Paktes sowie die Mahnung für Frieden und Demokratie im Mittelpunkt.
Den Abschluss der Wanderung bildete der Besuch auf dem Hof der Familie Wassermann, wo Inhaber Sebastian Wassermann die Gruppe mit selbstgebackenem Kuchen und Leckereien vom Grill erwartete.
Bei Essen und Getränken ließen die Teilnehmer die Eindrücke des Tages gemeinsam ausklingen und kamen miteinander ins Gespräch.





