Gastbeitrag von Jörg Wagner
„Wer nichts weiß, muss alles glauben.“ Ist ein berühmtes Zitat von der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner Eschenbach.
Dieser Satz, der nach jeder Pisa Studie kurzzeitig hochaktuell sein sollte, verbirgt sich schon seit 140 Jahren zwischen den Buchdeckeln.
„Wer nichts weiß, muss alles glauben“ ist außerdem ein Buchtitel der berühmten Science Busters, die 2007 (auch wieder) in Österreich als Bühnenshow und Radiokolumne berühmt wurden.
Es ist eine Comedy Show, in der wissenschaftliche Phänomene auf so kurzweilige und witzige Art und Weise erklärt werden, dass man nach der Show als Zuschauer*in unbedingt mehr wissen möchte, um sich mit dem Unglauben zu versöhnen.
Von einer großen österreichischen Fernsehsendung zu einem kleinen Museum in der Rhön überzuleiten, verspricht einen großen Spagat.
Versuchen wir es: Die Rede ist vom Natur Aktiv Museum in Oepfershausen. Das Museum befindet sich, recht versteckt im Schwarzen Schloss, in den Räumen einer ehemaligen Markthalle.
Eigentlich ist es kein Museum. Eher ein Forscher- Erlebnisraum für Kinder, Jugendliche und Familien. Doch diese Beschreibung ist zu kurzgegriffen, zu langweilig.
Versuchen wir es anders: Das Natur Aktiv Museum, kurz NAM, hat sich in dieser großen Markthalle sinnvoll ausgebreitet. Es besteht aus verschiedenen „Bühnenbildern“.
Hier nimmt man gerne die Rolle eines Forschenden ein, um verschiedenen Themen aktiv zu entdecken, zu erforschen und sich zu informieren. Da gibt es zu Beispiel Humboldt´s Büro.
Dieses Büro hat den Charme einer Wunderkammer, viele merkwürdige Dinge und Fundstücke aus der Natur und Kultur sind hier abgestellt und streben nach Aufmerksamkeit. Außerdem zu finden eine kleine, aber umfangreiche Bibliothek mit einem dazugehörigen alten, grünen Sofa.
Es folgt eine Rampe, auf der die Geschichte des Lebens erklärt wird, aber auf der man einfach theatralisch auf und abgehen/fahren oder rollen kann, ganz barrierefrei.
Des Weiteren ein H2O Experimentierraum, eine Bühne für Wetter, Klima und Landschaft.
Im Zentrum des NAM – der runde Tisch. Symbol für Gleichberechtigung. Hier können kleine und große Forscher*innen auf Augenhöhe diskutieren und experimentieren.
Der Runde Tisch ist umgeben von vier großen Schränken. Im inneren Raum, dem runden Tisch zugewandt, befinden sich in Schubfächern verschiedene Anleitungen und Arbeitsmaterialien für Experimente und sind geordnet nach den vier Elementen.
Diese philosophische Betrachtung der Natur aus dem antiken Griechenland ist in der heutigen wissenschaftlichen Sichtweise nicht ganz zeitgemäß, aber die einfache Ordnung nach Feuer, Wasser, Erde und Luft erlaubt eine leichte Zugänglichkeit.
In den äußeren Schubfächern der Schränke befindet sich ein Materialarchiv. 48 verschiede Rohstoffe, Werkstoffe, Kunststoffe und Naturstoffe sowie eine Verlinkung zu großen Materialsammlungen anderer Ausstellungsorte.
Das Erkunden des Materialarchives ist ein haptisches Erlebnis mit vielen Informationen zu Materialien, die uns das gesamte Leben begleiten.
Rechts vom Zentrum die Bühne für das rechte Maß: alte Waagen, um die Schwerkraft zwischen Unze und Kilogramm zu prüfen und eine Kiste voller Körpermaße: Elle, Spanne, Fuß, Handbreite, die uns Menschen als „Maß aller Dinge“ auf das Podium hebt.
Ganz hinten im NAM die eigenwilligste Bühne: eine ehemalige Fleischertheke. Hier wechseln die jährlichen Vorstellungen. Die Stücke, die hier eine Rolle spielen, sind gesellschaftsrelevant: Der Wald konnte sich endlich mal vorstellen, was er wirklich bedeutet: ein riesiger komplexer Organismus.
Im nächsten Stück zeigten die kleinsten Darsteller, dass auch sie eine große Geschichte haben: Bakterien, heimliche Riesen, die die Welt täglich verändern. Weitere Stücke über Papier und Wasser folgten.
Zurzeit hat das Moor den großen Auftritt und bekommt viel Applaus. Es klagt an, dass es seit vielen Jahrhunderten von uns Menschen ausgebeutet und seine Bedeutung verkannt wurde. Eine Landschaft, die gleichzeitig Land und Wasser ist und gigantische Mengen an CO2 speichern kann.
Kommen wir zurück zum Spagat: Betrachtet man Bildungseinrichtung aus der Perspektive einer Theaterbühne, weckt sie Neugier und verschleiert nicht durch Berührungsverbote (wie man es von vielen Museen kennt) die Lust auf Entdeckungen.
Denn davon lebt die Bildung: vom Wissensdurst, Forscherdrang und Vorstellungskraft. Die kindliche Neugier ist dabei unser Motor, um die Welt täglich neu zu entdecken, zu erleben, zu erforschen und wahrzunehmen.
Für Alexander von Humboldt war Bildung „die Verknüpfung des Ichs mit der Welt“ und er beschreibt es als einen offenen und unabschließbaren Prozess.
Und dabei sollten wir die ästhetische Bildung nicht vergessen: denn unsere Welt entdecken wir nicht nur kognitiv, sondern in unterschiedlichen Wahrnehmungsprozessen wie beim Sehen, Tasten, Hören, Riechen, Schmecken und der Empfindung bei der Bewegung des eigenen Körpers.
Das Natur Aktiv Museum möchte mit seinem pädagogischen Konzept genau hier ansetzen. Diese verschiedenen „Bühnen“ und Bereiche im NAM sind so gestaltet, dass Schülerinnen und Schüler ihren Lernprozess weitgehend selbst bestimmen können.
Deshalb ist das Motto eines jeden Projekttages „Fragen stellen lernen!“. Irgendetwas aus den Themenbereichen weckt Aufmerksamkeit, ruft Fragen hervor und schafft Motivation für echte Versuche und noch unbekannte Vorgehensweisen. Doch was dieses ‚Etwas‘ ist, kann nur der oder die Forschende selbst bestimmen!
Nicht immer funktioniert es, weil die Schüler*innen diese Freiheit im Unterricht nicht gewohnt sind und sich weiterhin auf das frontale Erzählen verlassen.
Es gibt aber auch die „Sternstunden“, in denen Schüler*innen erleben, dass ihre eigene Erfahrung ein wichtiger Bestandteil der Wissensvermittlung sein kann.
Allein das Gefühl, im Bildungsprozess mit den eigenen Erfahrungen ernstgenommen zu werden und mit der eigenen Haltung etwas auszurichten, macht einen Projekttag im NAM erfolgreich.
Fazit: Wer viel weiß, muss wenig glauben! Denn das ermöglicht jedem Einzelnen, die Auswirkungen des eigenen Handelns auf die Welt zu verstehen.
Die wichtigsten Fakten:
- Eröffnung im Jahr 2018
- Natur Aktiv Museum ist ein Projekt der Kunststation Oepfershausen e.V.
- Mitarbeiter Jörg Wagner ist Projektleiter des NAM
- Förderverein „Schwarzes Schloss e.V. unterstützt die Arbeit des NAM
- Natur Aktiv Museum ist von Anfang Mai bis Ende Oktober geöffnet
- An den Sonntagen ist Familiennachmittag, geöffnet von 12 bis 17 Uhr
- ca. 350 Besucher*innen in der Saison
- Mai bis Oktober werden ca. 20 Projekttage durchgeführt mit Angeboten für Kindergarten bis Berufsschule, ca. 500 Schülerinnen und Schüler sind in der Saison im NAM aktiv
- 2025 wurde dem NAM das Thüringer Qualitätssiegel Bildung für nachhaltige Entwicklung überreicht, das bedeutet neue Fördermöglichkeiten
- Schulen und Kindergärten bekommen kostenlose und hochwertige Projekte mit Fahrtkostenzuschüssen
- Weitere Hinweise online: www.natur-aktiv-museum.de
Veranstaltungen im Oktober
Samstag, den 3. Oktober 2026
12 bis 17 Uhr
„Türen auf mit der Maus“ – Unter diesem Motto kleine Wunder entdecken. Wir bauen ein kleines Utopia. Wir sammeln Ideen und bauen gemeinsam ein zukünftiges Dorf.
Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, das Team freut sich über alle Interessierten. Der Förderverein unterstützt mit einem kleinen Imbiss.
Mittwoch, den 21. Oktober 2026
19 bis ca. 20.30 Uhr
Das NAM startet eine neue Vortragsreihe. Wir geben Wissenschaftlern, Pädagogen und Künstlern eine Plattform für spannende Vorträge und Diskussionsrunden.
Wir starten mit einem Vortrag „Moore in der Rhön“, mit Jürgen Holzhausen, Fotograf und ehemaliger Mitarbeiter im Schwarzen Moor. Der Förderverein unterstützt wieder mit einem kleinen Imbiss.
Samstag, 24. Oktober 2026
16 bis 20 Uhr
Kleine Museumsnacht – Saisonabschluss 2026
Für diese Saison die letzte Möglichkeit im Natur Aktiv Museum zu entdecken, zu forschen und gemeinsam mit dem Team Ideen auszutauschen und ins Gespräch zu kommen. Der Förderverein unterstützt auch wieder mit einem kleinen Imbiss.







