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Menschen verstehen Menschen – Ein Honigbrot, drei Ringe & viele Fragen in Unterbreizbach

Rund 160 Menschen beschäftigten sich am 2. Oktober im Kulturhaus Unterbreizbach mit Menschlichkeit, Vielfalt und der Kunst des Miteinanders.

Gastbeitrag von Diana Lapp

Nathan – Was macht uns menschlich? Eine große Frage, auf die es keine einfachen Antworten gibt. Im Rahmen der Interkulturellen Woche und des Projektes „GrenzenLos“ wurde das Kulturhaus Unterbreizbach am 2. Oktober 2026 zu einem Ort des Nachdenkens, Zuhörens und Mitgestaltens.

Rund 120 Schülerinnen und Schüler der Klassenstufen 9 bis 12 von der Staatlichen Regelschule am Ulsterberg aus Räsa, der Regelschule Krayenburg aus Tiefenort, der Werratalschule Heringen und dem Johann-Gottfried-Seume-Gymnasium Vacha kamen am Vormittag mit ihren Lehrkräften zusammen.

Am Abend folgten etwa 30 Interessierte der Einladung zur öffentlichen Veranstaltung. Im Mittelpunkt stand das partizipative Theaterstück „Nathan – Was macht uns menschlich?“ mit Beate Krist und Manuela Pirozzi vom 3D Theater aus Wiesbaden.

Ein Honigbrot als Ausgangspunkt großer Fragen

Honigbrot mit Butter oder ohne? Schon bei dieser scheinbar belanglosen Frage waren sich die beiden Künstlerinnen auf der Bühne uneinig. Doch wann wird aus einer unterschiedlichen Vorliebe ein Konflikt?

Muss jemand ausgegrenzt oder gar eingesperrt werden, nur weil er sein Honigbrot anders mag? Aus einer humorvollen Szene entwickelten sich grundlegende Fragen nach Toleranz, Ausgrenzung und Menschlichkeit.

Der gedankliche Bogen spannte sich von Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“ aus dem Jahr 1779 bis zu Charlie Chaplins „Rede an die Menschheit“ von 1940.

Ein Ring. Ein Vater. Drei Söhne.

Die Ringparabel stellte die Frage nach Wahrheit und dem Umgang mit unterschiedlichen Überzeugungen. Wer entscheidet, was richtig ist? Wie viel Verschiedenheit können wir aushalten? Und wann müssen wir einer Meinung widersprechen?

Was die wenigsten Beteiligten erwartet hatten: Statt einer klassischen Theateraufführung mit Vorhang, Bühne und ausreichend Distanz zum Publikum wurden sie selbst Teil des Geschehens.

Die Künstlerinnen eröffneten keine fertigen Antworten, sondern luden zum Mitdenken, Hinterfragen und Mitreden ein. Ein ungewohntes Format, das Neugier weckte, aber auch Unsicherheit auslöste.

Sechs Gedankentische – viele Perspektiven

Nach dem Theaterimpuls lud Julia Koch die Jugendlichen zu einer gemeinsamen Durchatemzeit ein. Seit zwölf Jahren begleitet sie als spirituelle Lehrerin Menschen in ihrer inneren Entwicklung und setzt sich für ein heilsames Miteinander ein.

Sie leitet das Seminarhaus Matri-Lila in Philippsthal und sensibilisiert aktuell in zwei Projekten – an einer Grundschule sowie in der Arbeit mit Erwachsenen – für die Grundlagen eines friedlichen Zusammenlebens im Wandel der Zeit.

Mit der bewussten Hinwendung zum eigenen Atem eröffnete sie den Jugendlichen einen Moment des Innehaltens, bevor es nach einer gemeinsamen Brotzeit an den sechs schulübergreifenden Gedankentischen in den Austausch ging.

Dabei zeigte sich die ganze Bandbreite menschlicher Kommunikation: lebendige Diskussionen wechselten mit Schweigen, Zurückhaltung und Verwirrung.

„Was hat Atmung mit Theater zu tun?“, lautete eine Frage. Andere beschäftigte weiterhin, was uns nun eigentlich menschlich macht. Während einige Jugendliche offen ihre Gedanken teilten, blieben andere eher beobachtend.

Nicht jeder nutzte die Möglichkeit, seine Stimme zu erheben. Dennoch entstand Raum für unterschiedliche Sichtweisen, in dem auch Gedanken der Zurückhaltenden von anderen aufgegriffen wurden.

Gesprochen wurde über Herkunft, Religion, Individualität, unterschiedliche Lebensweisen und Meinungen, aber auch über Respekt, Vertrauen, Akzeptanz und das, was Menschen trotz aller Unterschiede verbindet.

Zum Abschluss verdichteten die sechs Gruppen ihre Überlegungen zu einem jeweiligen „Satz für alle“. Dabei wurden nicht nur grundlegende Werte formuliert, sondern auch konkrete Erwartungen an die Erwachsenen: „Wir brauchen Vorbilder.“

„Wir wünschen uns politische Bildung.“ Sogar der Begriff „Aufklärung“ fand seinen Platz in den Ergebnissen. Eine Gruppe hielt fest:
„Jeder Mensch ist einzigartig! Respekt und Toleranz verbinden uns!“

Die Gedanken zeigten, dass junge Menschen nicht nur über Menschlichkeit sprechen möchten, sondern Orientierung, Wissen und Möglichkeiten zur Mitgestaltung suchen.

Gleichzeitig blieb die Erkenntnis, dass die Streitkultur und der Dialog an manchen Stellen noch intensiver hätten sein können. Denn miteinander zu diskutieren, unterschiedliche Meinungen auszuhalten und respektvoll zu widersprechen, will gelernt sein.

Dass Beteiligung auch über diesen Tag hinaus möglich ist, zeigte Simon Ortner von der Partnerschaft für Demokratie im Wartburgkreis.

Er stellte das Jugendforum vor und ermutigte die Jugendlichen, eigene Projekte zu entwickeln, die über den Jugendfonds mit bis zu 1.000 Euro unterstützt werden können. Einige nutzten anschließend direkt die Gelegenheit zum Austausch.

Auch Katrin Biermann von der Freiwilligenagentur Wartburgkreis beteiligte sich als Moderatorin eines Gedankentisches und brachte Möglichkeiten des ehrenamtlichen Engagements ein.

Am Abend: Weniger Menschen, mehr persönliche Sichtbarkeit

Die öffentliche Abendveranstaltung mit rund 30 Gästen entwickelte eine andere Dynamik als der Vormittag mit etwa 120 Jugendlichen.

In dem deutlich kleineren, beinahe intimen Rahmen war die Bereitschaft, sich aktiv einzubringen, spürbar zurückhaltender. Vielleicht lag es an der ungewohnten Nähe, an der Sorge vor falschen Gedanken oder daran, dass man sich in einer überschaubaren Gruppe weniger leicht hinter anderen verbergen kann.

War es die Unsicherheit, wie die eigene Meinung aufgenommen wird? Oder sind wir es schlicht nicht gewohnt, bei einer Theaterveranstaltung selbst gefragt zu sein? Diese Fragen blieben offen und wurden damit Teil der Erfahrung.

Einen besonderen Moment bot die von Manuela Pirozzi angeleitete gemeinsame Durchatemzeit. Die Gäste ließen sich auf die Stille und den bewussten Blick nach innen ein.

Für einen Augenblick musste niemand etwas erklären, bewerten oder beantworten. Das gemeinsame Innehalten wurde zu einer verbindenden Erfahrung.

Wie aus einzelnen Gedanken Gemeinschaft entstehen kann, zeigte sich später mit einem Wollknäuel. Es wurde von Mensch zu Mensch weitergegeben, verbunden mit der Einladung, einen eigenen Gedanken zu äußern.

Nach und nach entstand ein sichtbares Netz. „Wir sind auf dieser Welt nur zu Gast – vorübergehend.“ „Familie verbindet.“ „Unser Dorf verbindet.“

Es waren einfache, persönliche Aussagen, die nebeneinanderstehen durften. Das entstehende Geflecht machte sichtbar, wie jeder Einzelne mit seinen Gedanken Teil eines größeren Ganzen werden kann.

Was bleibt von diesem Tag?

Vielleicht vor allem die Erfahrung, dass Beteiligung nicht selbstverständlich ist. Einige Menschen sprechen gern, andere hören lieber zu. Manche Gedanken entstehen im lebendigen Austausch, andere benötigen zunächst Stille.

Nicht jeder möchte seine Meinung vor einer Gruppe offenlegen, und nicht jede Frage verlangt sofort eine Antwort. Das partizipative Theaterformat bot die Gelegenheit, genau dies auszuprobieren und die eigene Wirksamkeit zu erleben.

Gleichzeitig zeigte der Tag, wie wichtig es ist, Räume für echte Gespräche zu schaffen. Räume, in denen unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen dürfen, ohne dass die Würde des Gegenübers verloren geht.

Die Jugendlichen haben mit ihrem Wunsch nach Vorbildern, politischer Bildung und Aufklärung einen wichtigen Impuls gegeben. Vielleicht liegt darin auch ein Auftrag an uns Erwachsene, solche Begegnungen nicht als einmalige Veranstaltung zu betrachten, sondern den Dialog weiterzuführen.

Menschen verstehen Menschen, wenn sie einander zuhören, sich aufeinander einlassen und miteinander im Gespräch bleiben.

Ein Honigbrot mit oder ohne Butter, die Ringparabel, ein gemeinsamer Atemzug oder ein Wollfaden zwischen Menschen – manchmal braucht es einfache Bilder, um große Fragen sichtbar zu machen.

Das Theaterstück „Nathan – Was macht uns menschlich?“ war deshalb mehr als eine Aufführung. Es war eine Einladung zum Innehalten, Nachdenken und Weiterdenken. Und vielleicht auch ein Anfang.

Ein herzlicher Dank, an alle die dieses Projekt mitgetragen haben

Unser herzlicher Dank gilt der Partnerschaft für Demokratie im Wartburgkreis, der Bürgerstiftung Wartburgkreis sowie der Gemeinde Unterbreizbach mit Bürgermeister Roland Ernst für die Unterstützung und Ermöglichung dieses besonderen Tages.

Die Förderung durch die Partnerschaft für Demokratie im Wartburgkreis wird durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ und das Thüringer Landesprogramm „DENK BUNT“ ermöglicht.

Ein besonderer Dank gilt den engagierten Vereinsaktiven des SV Kali Unterbreizbach e. V., insbesondere den KulturZeit-Akteuren. Mit Offenheit, Tatkraft und der Bereitschaft, selbst Neues auszuprobieren, haben sie dieses Projekt begleitet, mitgestaltet und gemeinsam getragen.

Ihr Engagement zeigt, wie aus einer Idee durch gemeinschaftliches Handeln ein Raum für Verbundenheit entstehen kann.

Ebenso danken wir den beteiligten Schulen, den Lehrerinnen und Lehrern, Beate Krist und Manuela Pirozzi vom 3D Theater aus Wiesbaden, Julia Koch, den Moderatorinnen und Moderatoren, allen weiteren Mitwirkenden sowie den Jugendlichen und Gästen, die sich auf dieses besondere Experiment eingelassen haben.

Denn Beteiligung beginnt vielleicht schon viel früher: mit einer angenommenen Einladung, die unterschiedliche Menschen zusammenbringt und ihnen die Möglichkeit gibt, einander zu begegnen.

Und sie wächst mit der Bereitschaft, einen Gedanken in den Raum zu geben und einem anderen Menschen zuzuhören, damit sich gegenseitiges Verständnis entwickeln kann.

Menschen verstehen Menschen – Kunst verbindet.