Ein Sarg, der innerhalb weniger Tage aus Pilzmyzel wächst, mit Hanffasern verstärkt wird und sich nach der Beisetzung wieder vollständig in den natürlichen Kreislauf einfügen soll: Was zunächst ungewöhnlich klingt, könnte künftig auch auf den Friedhöfen der Rhön häufiger zu sehen sein.
Das Bestattungsunternehmen Lieder aus Fladungen-Brüchs möchte mit dem sogenannten Pilzsarg eine neue, naturnahe Form der Erdbestattung in der Region etablieren.
Wer sich selbst ein Bild von dem außergewöhnlichen Sarg machen möchte, bekommt dazu schon bald Gelegenheit: Am Samstag, 3. Oktober 2026, lädt Bestattungen Lieder zum Tag der offenen Tür in die Geschäftsstelle in der Friedhofstraße 14 in Fladungen, Ortsteil Brüchs, ein. Dort soll der Pilzsarg vorgestellt und erklärt werden.
Eine Besonderheit: Der Sarg kann auch individuell bemalt und gestaltet werden – und damit zu einem sehr persönlichen letzten Begleiter werden.
Youtube Video vom Hersteller
Ein Sarg, der wächst
Hergestellt wird der sogenannte Loop Living Cocoon™ in Delft in den Niederlanden. Grundlage ist Myzel, also das feine Wurzel- beziehungsweise Fadengeflecht von Pilzen. Nach Angaben des Bestattungsunternehmens wächst der Sarg innerhalb von rund sieben Tagen in einer Form heran.
Das Material wird mit Hanffasern verstärkt, anschließend getrocknet und für die Innenausstattung vorbereitet. Möglich sind unter anderem ein weiches Moosbett sowie Ausstattungen aus Bio-Baumwolle, Hanf oder Schafwolle.
Von einem herkömmlichen Holzsarg unterscheidet sich der Pilzsarg schon optisch. Seine besondere Stärke soll allerdings nicht in klassischer Verzierung, sondern in seinem natürlichen Material und dessen schneller biologischer Abbaubarkeit liegen.
Harald Lieder, Gründer und Inhaber des Bestattungsunternehmens, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Veränderungen der Bestattungskultur.
2001 begann er im Bestattungswesen, 2005 machte er sich selbstständig. Während Erdbestattungen früher einen großen Teil seiner Arbeit ausmachten, hätten sich die Gewohnheiten inzwischen stark verändert.
Gleichzeitig beobachtet er, dass Friedhofsträger vor neuen Herausforderungen stehen. Der Pilzsarg könne hier eine zusätzliche Möglichkeit sein, die klassische Erdbestattung neu und zeitgemäß zu denken.
Für Harald Lieder steckt hinter dem ungewöhnlichen Material auch ein emotionaler Gedanke. Der Pilzsarg sei vielleicht nicht mit einem aufwendig verzierten klassischen Holzsarg vergleichbar, doch die Vorstellung, in einem natürlichen, mit Moos ausgekleideten Sarg bestattet zu werden, der anschließend keine langfristigen Rückstände hinterlässt, empfinde er als schöne Alternative.
Von der Moderne zurück zur Erdbestattung
Auch Patrick Eichert, geprüfter Bestatter und Trauerredner bei Bestattungen Lieder, erlebt den Wandel der Branche täglich. Er leitet die Filiale in Eichenzell und ist darüber hinaus in der Region Rhön-Grabfeld tätig.
Nach seiner Erfahrung haben Feuerbestattungen und alternative Formen wie Baum-, Wald- oder Seebestattungen in den vergangenen Jahren deutlich an Bedeutung gewonnen.
Mit dem Pilzsarg komme nun ausgerechnet eine moderne Innovation hinzu, die wieder zur traditionellen Erdbestattung führe: Ein neuartiges Material trifft auf eine jahrhundertealte Form des Abschieds.
Der Sarg ist dabei weiterhin für eine Beisetzung auf einem Friedhof vorgesehen. Gerade darin sieht Eichert einen interessanten Ansatz: Friedhöfe könnten durch neue Bestattungsformen wieder stärker als Orte der Erinnerung und zugleich als naturnahe Lebensräume wahrgenommen werden.
Behörden beschäftigen sich mit dem neuen Material
Bevor ein solches Produkt im Alltag eingesetzt werden kann, müssen selbstverständlich die rechtlichen Anforderungen erfüllt sein. Genau deshalb hat Bestattungen Lieder den Austausch mit Kommunen, Friedhofsverwaltungen und Behörden gesucht.
Aus den vorgelegten Schreiben geht hervor, dass sowohl die Verwaltungsgemeinschaft Mellrichstadt als auch die Verwaltungsgemeinschaft Ostheim vor der Rhön grundsätzlich keine Einwände gegen die Verwendung entsprechender Myzelsärge auf ihren Friedhöfen sehen, sofern die gesetzlichen Anforderungen und die örtlichen Gegebenheiten eingehalten werden.
Allerdings gibt es auch ganz praktische Punkte zu beachten: Der Pilzsarg fällt mit Außenmaßen von etwa 216 mal 75 mal 45 Zentimetern größer aus als manche Standardsärge.
Vor einer Beisetzung muss deshalb geprüft werden, ob Grabgröße und Reihenabstände auf dem jeweiligen Friedhof ausreichend sind.
Der leere Sarg wiegt nach den vorgelegten Produktinformationen rund 30 Kilogramm und ist für ein Gewicht von bis zu 200 Kilogramm ausgelegt. Sechs integrierte Jutegriffe dienen dem Transport.
Wissenschaftlicher Blick auf das Material
Eine vorgelegte wissenschaftliche Zusammenfassung der TU Delft beschreibt Myzel-Komposite als biologisch abbaubare Materialien aus Pilzmyzel und pflanzlichen Fasern. Als Rohstoffe können beispielsweise landwirtschaftliche Reststoffe wie Hanf, Reisschalen oder Maisbestandteile dienen.
Unter optimalen Bedingungen soll sich das Material des Sarges innerhalb von rund 45 Tagen biologisch abbauen.
In der Zusammenfassung wird zudem auf mögliche positive Effekte von Myzel auf Bodenmikroorganismen sowie auf dessen Fähigkeit verwiesen, bestimmte Stoffe zu binden.
Der Hersteller und das Bestattungsunternehmen sehen darin insbesondere einen ökologischen Vorteil gegenüber Materialien, die über viele Jahre im Boden verbleiben.
Eine Branche im Wandel
Wie stark sich die Bestattungskultur verändert, zeigt auch die junge Generation im Familienbetrieb. Justin Lieder, Bestattermeister und Sohn von Harald Lieder, berichtet, dass sich auch viele junge Menschen inzwischen für Bestattungsberufe und neue Formen des Abschieds interessieren. Er selbst sieht eine wichtige Aufgabe darin, Angehörigen die inzwischen große Bandbreite an Möglichkeiten aufzuzeigen.
Baum-, Wald-, See- und andere alternative Bestattungsformen haben die Branche bereits verändert. Der Pilzsarg erweitert dieses Spektrum nun um eine Variante, die Nachhaltigkeit mit der klassischen Erdbestattung verbinden soll.
Und möglicherweise verändert sich mit neuen Materialien auch die Gestaltung des Abschieds. Ein Pilzsarg muss keineswegs schlicht bleiben.
Er kann bemalt und individuell gestaltet werden – etwa mit Farben, Motiven, persönlichen Botschaften oder Erinnerungen an den Verstorbenen. Damit kann aus dem ungewöhnlichen Naturprodukt ein ganz persönliches Einzelstück werden.
Tag der offenen Tür am 3. Oktober
Wer den Pilzsarg bislang nur von Bildern kennt oder Fragen zu Material, Herstellung, Zulässigkeit und praktischer Verwendung hat, kann sich beim Tag der offenen Tür am 3. Oktober 2026 bei Bestattungen Lieder in Fladungen-Brüchs informieren.
Das Unternehmen möchte dabei nicht nur ein neues Produkt präsentieren, sondern auch mit den Menschen ins Gespräch kommen: Wie wollen wir künftig Abschied nehmen? Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und Natur bei einer Bestattung? Und kann eine moderne Idee vielleicht sogar dazu beitragen, die klassische Erdbestattung wieder neu zu entdecken?
Für Harald Lieder, seinen Sohn Justin und Patrick Eichert ist der Pilzsarg jedenfalls mehr als eine ungewöhnliche Neuheit. Er steht beispielhaft für eine Bestattungskultur, die sich verändert – persönlicher, vielfältiger und in diesem Fall buchstäblich näher an der Natur.


































