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Ehrenamt Wartburgkreis auf Tour – Wo Menschen ihren Ort selbst gestalten

Ein Tag, sieben Stationen, zahlreiche Gespräche und vor allem viele Menschen, die anpacken und Verantwortung übernehmen: Die Freiwilligenagentur Wartburgkreis war am 12. September mit ihrer zweiten Ehrenamts-Bustour im südlichen Wartburgkreis unterwegs.

Gastbeitrag von Katrin Biermann

Ein Tag, sieben Stationen, zahlreiche Gespräche und vor allem viele Menschen, die anpacken und Verantwortung übernehmen: Die Freiwilligenagentur Wartburgkreis war am 12. September mit ihrer zweiten Ehrenamts-Bustour im südlichen Wartburgkreis unterwegs.

Von Vacha über Sünna, Unterbreizbach, Geisa, Walkes, Oechsen und Völkershausen führte die Route wieder zurück nach Vacha. Im Mittelpunkt standen dabei nicht große Vereinsnamen oder fertige Erfolgsgeschichten, sondern die Menschen dahinter.

Die Bustour sollte zeigen, wie vielfältig bürgerschaftliches Engagement vor Ort ist, welche Ideen daraus entstehen und vor welchen Herausforderungen Vereine, Initiativen und Dorfgemeinschaften stehen. Genau das wurde an den verschiedenen Stationen sichtbar.
Der symbolische Start erfolgte am Vachwerk.

Bürgermeister Martin Müller bezeichnete den Ort als bildlich „gebautes Ehrenamt“. Nach der politischen Wende wurde das Gebäude von Ehrenamtlichen um- und ausgebaut und wird heute vom CCV als Veranstaltungshalle betrieben und unterhalten.

Ein Beispiel dafür, dass Ehrenamt nicht immer in Form eines klassischen Vereinsprojekts daherkommt, sondern auch dort entsteht, wo Menschen gemeinsam Verantwortung für einen Ort übernehmen.

Am Grenzturm in Vacha wurde anschließend deutlich, wie aus persönlichem Engagement ein Stück regionaler Erinnerungskultur entstehen kann. Die Interessengemeinschaft Grenzturm hat den ehemaligen Grenzturm 2015 zu einem Museumsturm umgestaltet.

Michael Vogel berichtete von der Entstehung des Projekts und von der Unterstützung durch die Stadt und den Bauhof. Für die Interessengemeinschaft sei die gewählte Organisationsform bewusst auch deshalb interessant, weil sie mit weniger bürokratischem Aufwand verbunden sei, als beispielsweise ein Verein.

Im Bus ging die Fahrt anschließend nicht einfach nur weiter. Die Strecke zwischen Vacha und Unterbreizbach wurde für eine Vorstellungsrunde genutzt. Hier konnte man sich bekannt machen um später am Tag besser in den Austausch zu kommen.

In Unterbreizbach ging es anschließend um junge Menschen und kreative Ideen. An einer ehemaligen Eisenbahnbrücke entstand 2024 ein Graffiti-Projekt, das gemeinsam vom SV Kali Unterbreizbach und der Einheitsgemeinde umgesetzt wurde.

Jugendliche zwischen neun und 16 Jahren waren als Kultursparte des Vereins beteiligt. Diana Lapp, selbst im Sportverein aktiv, berichtete außerdem von der neuen Sparte, der KulturZeit, die an den Sportverein angedockt wurde.

So können vorhandene Ressourcen und Personal gemeinsam genutzt und neue Zielgruppen erreicht werden. Mit dem Preisgeld aus dem Wettbewerb „machen!2025“ konnte zudem ein KulturZeit-Mobil angeschafft werden, das nach Absprache auch anderen zur Verfügung steht und Veranstaltungen auch an ungewöhnlichen Orten möglich macht.

Auch in Richtung Sünna wurde der Bus zum Gesprächsraum. Zugestiegen war Andreas Bühl, Vorstandsmitglied der Thüringer Ehrenamtsstiftung. Die Stiftung unterstützt die Freiwilligenagenturen in Thüringen und ist ein wichtiger Ansprechpartner für Fragen rund um das Ehrenamt.

Bühl stellte die verschiedenen Unterstützungsmöglichkeiten vor und gab Einblicke, welche Angebote und Fördermöglichkeiten Engagierten und Vereinen offenstehen. Dabei blieb es nicht bei Informationen rund um Förderungen.

Im Gespräch wurde auch die persönliche Seite des Ehrenamts sichtbar. Andreas Bühl erzählte von seiner eigenen Verbindung zum freiwilligen Engagement – und davon, dass er selbst in zahlreichen Vereinen aktiv ist, teilweise auch in verantwortlichen Positionen.

So wurde aus dem Interview schnell ein Gespräch unter Menschen, die wissen, wie viel Zeit, Arbeit und Verantwortung hinter ehrenamtlichem Engagement stecken.

Wie eng kommunales Handeln und ehrenamtliches Engagement miteinander verbunden sein können, zeigte die Station in Sünna. Aus den ehemaligen Räumen einer Bank wurde nach dem Leerstand eine barrierefreie Begegnungsstätte.

Hinzu kommt ein Bürgerbus, der einmal wöchentlich ältere Menschen aus den Ortsteilen zum Einkauf, zum Arzt oder zu anderen Aktivitäten fährt. In der Begegnungsstätte finden bald, denn die offizielle Einweihung steht noch aus, ganz unterschiedliche Angebote statt – von einer Nähgruppe über Seniorennachmittage bis zu Bastelaktionen für Kinder.

In Sünna wurde aber auch die Kehrseite des Engagements angesprochen. „Wenige machen sehr viel im Ehrenamt“, lautete eine der Aussagen vor Ort. Bürokratiehürden wurden ebenfalls als Grund genannt, warum Menschen sich zurückziehen oder gar nicht erst aktiv werden.

In Geisa rückte schließlich das Thema Inklusion in den Mittelpunkt. Der Gentlemen’s Beard Club und der Fahr- und Reitverein teilen sich Räumlichkeiten, Kosten und Arbeiten.

Aus der Zusammenarbeit mit dem Geisaer Inklusionsstammtisch entstand die Idee eines „Geisaer Inklusiven Gemeinschaftszentrums“. Ziel ist es, Räume künftig für alle Menschen zugänglich zu machen und gemeinsame Projekte verschiedener Vereine zu ermöglichen.

Geplant sind unter anderem ein barrierefreier Eingang, eine Automatiktür, Einbauten, die seh- und hörbeeinträchtigte Menschen unterstützen sowie ein barrierefreies WC und eine entsprechende Küche.

„Keiner sollte aufgrund räumlicher Gegebenheiten ausgeschlossen sein“, wurde als Motivation von Vorstandsmitglied Tino Wingenfeld für das Vorhaben formuliert. Die Idee steht beispielhaft für eine Entwicklung, die an mehreren Stationen der Bustour sichtbar wurde: Vereine arbeiten zunehmend zusammen, teilen Räume und Ressourcen und entwickeln gemeinsam neue Angebote.

Mit dem Bus ging es weiter in Richtung Walkes. Auch diese Strecke wurde genutzt, um den Blick über die einzelnen Stationen hinaus zu richten. Simon Ortner berichtete über das Programm „Demokratie leben!“ und die „Lokale Partnerschaft für Demokratie“.

Beide unterstützen Projekte und Strukturen, die demokratisches Miteinander und gesellschaftliche Beteiligung vor Ort stärken. Auch die Ehrenamts-Bustour selbst wurde durch diese Programme finanziell unterstützt.

Ganz anders, aber nicht weniger eindrucksvoll war die Station im kleinen Ort Walkes. Gerade einmal 54 Menschen leben dort, darunter elf Jugendliche, auch aus Ketten und Spahl.

Sie kümmern sich selbst um ihren Jugendclub, organisieren die Nutzung über eine WhatsApp-Gruppe, übernehmen Renovierungsarbeiten und entwickeln den ehemaligen Feuerwehrraum weiter.

Was als Treffpunkt für Jugendliche begonnen hat, wird von ihnen inzwischen auch als Generationentreff verstanden. Der Wunsch ist dabei erstaunlich schlicht: einen schönen Raum zum Treffen und Feiern zu haben und auch Gästen aus anderen Gemeinden etwas bieten zu können.

Die Jugendlichen in Walkes zeigten dabei eindrucksvoll, dass Engagement nicht erst mit einem bestimmten Alter beginnt. Wer einen Ort selbst mitgestaltet, entwickelt auch eine andere Beziehung zu ihm.

Die Unterstützung durch die Stadt wurde ausdrücklich mit dem eigenen Einsatz der Jugendlichen verbunden. Ihr Engagement, so wurde vor Ort deutlich, trägt zum Zusammenhalt im Ort bei.

Auf der Weiterfahrt von Walkes nach Geisa kam mit Abdul Sabur Rahmani ein weiterer Gesprächspartner zu Wort, der zeigt, wie vielfältig Engagement heute sein kann. Rahmani gründete den UnityHub Bad Salzungen und unterstützt mit seinem Netzwerk geflüchtete Menschen.

Dabei geht es häufig um ganz praktische Fragen: Wo gibt es Hilfe? Welche Anlaufstelle ist die richtige? Wer kann unterstützen? Welche Kontakte gibt es vor Ort? Auch für die Freiwilligenagentur ist seine Unterstützung inzwischen ein wichtiger Beitrag.

Regelmäßig fertigt Rahmani Übersetzungen in sieben verschiedenen Sprachen an. Damit hilft er, sprachliche Barrieren abzubauen und Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Ehrenamt wird hier zur Brücke – zwischen Menschen, Institutionen und unterschiedlichen Lebenswelten.

Auf der Fahrt weiter in Richtung Oechsen gab Nicole Christ gemeinsam mit ihrer Hündin Thora vom Verein VSBI Bad Salzungen Einblicke in die Arbeit des Vereins. Im Mittelpunkt stehen umfangreiche Beratungs- und Unterstützungsangebote für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Dabei geht es nicht nur darum, konkrete Hilfe anzubieten, sondern auch darum, Einschränkungen sichtbar zu machen und für die Lebenssituation betroffener Menschen zu sensibilisieren. Ein Beispiel dafür ist der jährlich stattfindende große Aktionstag für Menschen mit Behinderungen in Bad Salzungen.

Eine buchstäblich sichtbare Mitmachaktion sind dabei gestaltete Hände aus Papier. Das langfristige Ziel: 10.000 Hände sollen einmal zusammenkommen und den gesamten Burgsee umspannen. Eine einfache Idee mit einer deutlichen Botschaft: Teilhabe und Gemeinschaft sollen sichtbar werden.

In Oechsen zeigte sich anschließend, welche Kraft eine funktionierende Dorfgemeinschaft entwickeln kann. Feuerwehr, Jugendfeuerwehr, Kirmesverein, Sportverein, Jugendklub und weitere Engagierte bringen sich in das Dorfleben ein.

„Zusammenhalt zwischen den Vereinen – das ist Oechsen“, lautete eine der Aussagen. Gleichzeitig wurde auch hier die Kehrseite des Engagements angesprochen: Zeit müsse neben Familie und Beruf gefunden werden.

Auch im Bus wurde das Thema Verantwortung weitergeführt. Heidemarie Salzmann, ehrenamtliche Schöffin und Schiedsstelle der Gemeinde Dermbach, berichtete über ihre Tätigkeit.

Ihre Aufgaben bringen Verantwortung für andere Menschen mit sich und verlangen neben einem offenen Ohr auch Sachverstand, wenn es um schwierige Lebenssituationen und Konflikte geht.

Ihr Engagement steht damit für eine Form des Ehrenamts, die weniger sichtbar ist als ein großes Fest oder eine öffentliche Veranstaltung, für das gesellschaftliche Zusammenleben aber eine wichtige Rolle spielt.

Von Oechsen nach Völkershausen wurde außerdem das Reparaturcafé der Freiwilligenagentur an das Mikro gebeten. Falk Weinert und Andreas Rößler berichteten über ihre persönliche Haltung zum Ehrenamt und über ihren Einsatz für Nachhaltigkeit und Gemeinschaft.

Das Reparaturcafé ist ein regelmäßiges Angebot der Freiwilligenagentur und wird seit fast vier Jahren von einem 14-köpfigen ehrenamtlichen Team getragen.

Repariert werden unter anderem technische Geräte, Fahrräder und inzwischen auch Smartphones und Tablets. Hinzu kommen weitere Bereiche wie das Nähstübchen und ein Team, das sich um Kaffee und Kuchen kümmert.

Was hinter dem Reparaturcafé steht, wurde im Gespräch besonders deutlich: Ehrenamt kann ganz praktisch sein. Etwas wird nicht einfach weggeworfen, sondern gemeinsam nach einer Lösung gesucht. Wissen wird weitergegeben, Dinge werden erhalten und Menschen kommen miteinander ins Gespräch.

In Völkershausen schließlich ging es um Erinnerung, Gemeinschaft und Kultur. Die Kirchgemeinde organisiert Veranstaltungen und Gottesdienste komplett im Ehrenamt.

Hier ist seit Langem die Pfarrstelle nicht besetzt und so übernimmt der Gemeindekirchenrat vielfältige Aufgaben, die auch das gemeinschaftliche Leben bereichern. Rund um das Basalt-Beben ist ein Festival mit überregionaler Ausstrahlung entstande.

Die Veranstaltung verbindet Musik, Erinnerung und einen guten Zweck und wäre ohne die Unterstützung zahlreicher Ehrenamtlicher nicht möglich.

So berichten die Vereinsmitglieder stolz, dass Festivalshirts auch in weit entfernten Gegenden Deutschlands schon gesichtet worden sind. Auch eine dauerhaft zugängliche Ausstellung zur Geschichte des Gebirgsschlages von 1989 wurde im Rahmen des Ehrenamts geschaffen.

Ebenfalls im Interview dabei war André Döbling vom Kulturverein Bad Salzungen. Seine Motivation ist es, Kultur für Menschen im Wartburgkreis erlebbar zu machen.

Gleichzeitig verbindet er sein Hobby und seine Leidenschaft – das Filmen, insbesondere mit Drohnen – mit seinem ehrenamtlichen Engagement. Mit seinen Filmen macht er ehrenamtliche Arbeit transparent, stellt Angebote auf einprägsame Weise dar und trägt dazu bei, dass Projekte und Veranstaltungen besser wahrgenommen werden.

Zum Abschluss kehrte der Bus nach Vacha zurück. Im Vereinsdomizil des CCV wurde noch einmal deutlich, dass viele Veranstaltungen in der Stadt nur durch das Zusammenspiel von Vereinen, Feuerwehr, Bauhof und weiteren Engagierten funktionieren.

Ein ehrenamtliches Organisationskomitee unterstützt gemeinsam mit unterschiedlichen Vereinen die Vorbereitung und Durchführung städtischer Großveranstaltungen.

Was bleibt nach einem solchen Tag? Vor allem ein sehr konkretes Bild vom Ehrenamt im Wartburgkreis. Es sind Menschen, die Räume umbauen, Jugendliche zusammenbringen, Feste organisieren, Busse fahren, Geschichte bewahren, Veranstaltungen auf die Beine stellen, Menschen miteinander verbinden oder sich Gedanken darüber machen, wie künftig niemand ausgeschlossen wird.

Die Ehrenamts-Bustour der Freiwilligenagentur Wartburgkreis wollte genau dieser Arbeit eine Bühne bieten und zugleich den Austausch zwischen Engagierten, Vereinen, Kommunen und weiteren Akteuren fördern.

Die Gespräche unterwegs zeigten aber auch: Engagement braucht nicht nur Anerkennung, sondern verlässliche Rahmenbedingungen, unkomplizierte Unterstützung und Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis des Tages war deshalb keine einzelne Erfolgsgeschichte. Es war die Erkenntnis, dass Engagement überall dort entsteht, wo Menschen sagen: Das ist unser Ort – und wir wollen ihn mitgestalten.