Zwei Veranstaltungen, zwei sehr unterschiedliche politische Sichtweisen – und nur wenige Meter Abstand: Am Mittwochabend, 30. September 2026, hatte die AfD-Fraktion im Thüringer Landtag zu einem Bürgerdialog ins Kulturhaus Geisa eingeladen. Gleichzeitig versammelten sich auf dem Vorplatz zahlreiche Menschen zu einem Gegenprotest.
Rund 500 Besucherinnen und Besucher kamen nach Angaben vor Ort zum Bürgerdialog in das voll besetzte Kulturhaus. Auf dem Platz davor demonstrierten etwa 120 Menschen gegen die AfD und insbesondere gegen Björn Höcke. Trotz der gegensätzlichen Positionen verlief der Abend nach Angaben der Polizei ohne größere Zwischenfälle.
Der Rhönkanal war auf beiden Seiten unterwegs und wollte wissen, warum die Menschen gekommen waren und was sie derzeit politisch bewegt.
Höcke, Krell und Möller beim Bürgerdialog
Auf dem Podium saßen Uwe Krell, der für die AfD das Direktmandat im Wahlkreis 5 – Wartburgkreis I – hält, Björn Höcke, Vorsitzender der AfD-Fraktion im Thüringer Landtag, sowie Stefan Möller. Er ist seit 2014 Landessprecher der AfD Thüringen und gehört seit 2025 dem Deutschen Bundestag an.
Als Björn Höcke den Saal betrat, wurde er von vielen Besuchern mit langem Applaus und stehenden Ovationen begrüßt. Im Mittelpunkt des Abends standen politische Themen sowie Fragen aus dem Publikum.
Uwe Krell bezeichnete den Termin im Gespräch mit dem Rhönkanal als einen Bürgerdialog wie viele andere Veranstaltungen dieser Art. Das Format werde nach seiner Wahrnehmung gut angenommen. Entscheidend sei für ihn, zuzuhören und mit den Menschen direkt ins Gespräch zu kommen.
Dass Höckes Teilnahme eine besondere Aufmerksamkeit auslöst, räumte auch Krell ein. Viele Besucher kämen gerade wegen des AfD-Fraktionsvorsitzenden. Gleichzeitig sorgten solche Termine regelmäßig für Gegenproteste.
Krell betonte im Interview, seine Partei sehe sich grundsätzlich gesprächsbereit – auch gegenüber Menschen, die politisch anderer Meinung seien. Kritiker lud er dazu ein, sich die Veranstaltung anzuhören und anschließend selbst ein Urteil zu bilden.
„Ich möchte mir meine eigene Meinung bilden“
Genau aus diesem Grund war auch René aus Vacha ins Kulturhaus gekommen. Er wolle sich selbst ein Bild von Björn Höcke und der AfD machen, sagte er dem Rhönkanal.
Er wolle wissen, „wo steht er und was hat er für Aussagen“ und sich nicht allein auf das verlassen, was ihm über Medien oder soziale Netzwerke vermittelt werde. Deshalb habe er seine Familie mitgebracht und wolle die Veranstaltung unmittelbar erleben.
René bezeichnete sich selbst eher als Protestwähler. Früher habe er FDP gewählt. Ob die AfD politische Probleme besser lösen könne, wisse er nicht. Er wolle aber sehen, was aus seiner Stimme gemacht werde.
Mit Blick auf die starke politische Polarisierung äußerte René die Sorge, dass die Bereitschaft zum Gespräch zwischen unterschiedlichen politischen Lagern abnehme. Seine Einschätzung, die Distanz werde vor allem von der politischen Linken erzeugt, ist dabei seine persönliche Wahrnehmung.
Spritpreise und Sorgen um den ländlichen Raum
Marina aus Rasdorf, die gemeinsam mit ihrem Enkel Torben gekommen war, berichtete von einem persönlichen politischen Wandel. Die 66-Jährige habe früher SPD gewählt und viele Jahre in der Pflege gearbeitet. Heute unterstütze sie die AfD.
Sie äußerte deutliche Unzufriedenheit mit der politischen Entwicklung in Deutschland und kritisierte unter anderem, dass aus ihrer Sicht außenpolitische Themen wie der Krieg in der Ukraine zu stark im Mittelpunkt stünden, während innenpolitische Probleme zu kurz kämen.
Auch Jonas aus Rasdorf war wegen der AfD nach Geisa gekommen. Ihn beschäftigen nach eigenen Angaben besonders die hohen Kraftstoffpreise.
Gerade im ländlichen Raum sei das ein wichtiges Thema, weil viele Menschen auf das Auto angewiesen seien und längere Wege zurücklegen müssten. Er kritisierte dabei auch die Politik der Bundesregierung und sieht CDU-Bundeskanzler Friedrich Merz in der Verantwortung.
Ihre Aussagen spiegeln ihre persönliche Einschätzung wider – ebenso wie die Aussagen der Menschen auf der anderen Seite des Kulturhauses.
Deutlicher Gegenprotest vor der Tür
Dort hatten unter anderem die „Omas gegen Rechts“ sowie weitere Teilnehmer zu einer Kundgebung aufgerufen. Viele der Beteiligten waren aus dem benachbarten Landkreis Rhön-Grabfeld und anderen Teilen der Region angereist.
Auf Plakaten waren unter anderem Forderungen nach Demokratie, Vielfalt und Menschenrechten zu lesen. Die Demonstrierenden machten deutlich, dass sie die politischen Positionen der AfD ablehnen.
Christina aus Hünfeld sagte dem Rhönkanal, sie wolle „Kante zeigen“ und sichtbar für Menschen eintreten – unabhängig von deren Herkunft. Für sie sei es wichtig, nicht nur zu Hause eine Meinung zu haben, sondern diese auch öffentlich zu zeigen.
Ähnlich äußerten sich Leonie und Mia aus Philippsthal. Sie kritisierten aus ihrer Sicht menschenfeindliche Positionen und betonten, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft Teil einer gemeinsamen Gesellschaft sein sollten.
Sie sprachen sich zudem für ein Verbot der AfD aus.
Ob die rechtlichen Voraussetzungen für ein Parteiverbot vorliegen, ist allerdings keine Entscheidung von Demonstrierenden oder politischen Gegnern: Nach dem Grundgesetz kann darüber nur das Bundesverfassungsgericht in einem entsprechenden Verfahren entscheiden.
Für Nico aus Vacha war es die erste Demonstration
Nico aus Vacha nahm nach eigenen Angaben erstmals an einer Demonstration gegen die AfD teil.
Er sagte, dass er die Entwicklung nicht einfach hinnehmen wolle. Auch wenn er die derzeitige politische Situation als schwierig empfinde, sei die AfD für ihn keine politische Alternative. Für ihn gebe es andere Möglichkeiten, seinen Protest und seine Unzufriedenheit auszudrücken.
Die Wortwahl mancher Demonstrierender gegenüber der AfD war dabei deutlich und konfrontativ. Umgekehrt äußerten auch Besucher des Bürgerdialogs scharfe Kritik an linken politischen Gruppen und am Gegenprotest.
Gerade darin zeigte sich an diesem Abend, wie weit politische Positionen teilweise auseinanderliegen.
Sorgen um Sicherheit – und um die Demokratie
Auch Evelyn aus Dermbach war zum Bürgerdialog gekommen. Sie sagte dem Rhönkanal, dass sie sich vor allem Gedanken um ihre persönliche Sicherheit und um die Zukunft Deutschlands mache. Wichtig sei ihr außerdem, dass Rentner und Berufstätige von ihrem Einkommen beziehungsweise ihrer Rente angemessen leben könnten. Politisch fühle sie sich derzeit vor allem von der AfD vertreten.
Besonders beschäftigten Evelyn Berichte über Gewalttaten und ihr eigenes Sicherheitsgefühl. Sie erzählte, dass sie demnächst wieder mit dem Zug fahren müsse und inzwischen Angst dabei empfinde. Diese persönliche Wahrnehmung sei für sie ein wesentlicher Grund gewesen, die Veranstaltung in Geisa zu besuchen.
Eine ganz andere Sicht vertrat Christiane aus dem Rhön-Grabfeld, die sich am Gegenprotest beteiligte.
Sie sagte, sie habe Sorge, dass die AfD immer stärker werde und dadurch aus ihrer Sicht die Demokratie unter Druck geraten könne. Gleichzeitig kritisierte sie auch die aktuelle Regierung: Die größer werdende soziale Ungleichheit und Einschnitte bei sozial Schwächeren könnten ihrer Einschätzung nach den Zulauf zur AfD verstärken.
Christiane berichtete außerdem, dass sich ihre Gruppe regelmäßig treffe, um über aktuelle politische Themen und mögliche Aktionen zu sprechen. Dabei gehe es nicht nur um Protest, sondern auch um den Versuch, mit politisch Andersdenkenden ins Gespräch zu kommen. Solche Gespräche empfinde sie allerdings häufig als schwierig und bedauerte, dass es aus ihrer Sicht kaum eine gemeinsame Gesprächsebene gebe.
Für Christiane ist gerade deshalb wichtig, selbst aktiv zu werden: „Ich muss einfach was tun, ich kann nicht zu Hause sitzen.“
Polizei: Versammlungsrecht beider Seiten schützen
Zwischen den beiden Lagern war auch die Polizei präsent. Erste Polizeihauptkommissarin Bruse sprach gegenüber dem Rhönkanal von einem normalen Einsatz bei einer solchen Versammlungslage.
Aufgabe der Beamten sei es, das Versammlungsrecht zu schützen und dafür zu sorgen, dass beide Seiten ihre Veranstaltung durchführen können. Das Auftreten Björn Höckes mobilisiere erfahrungsgemäß mehr Menschen „in beide Richtungen“, erklärte sie.
Trotz des großen Besucherandrangs im Kulturhaus und der Gegenkundgebung vor der Tür blieb es nach den Beobachtungen vor Ort friedlich. Die Polizei musste keine Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen bewältigen.
Zwei Seiten – und viele Gründe, nach Geisa zu kommen
Der Abend in Geisa zeigte vor allem eines: Die politischen Gegensätze sind groß. Während Höcke im Kulturhaus begeistert empfangen wurde und viele Besucher der AfD ihre Unterstützung ausdrückten, machten vor der Tür rund 120 Menschen ebenso deutlich, dass sie die Partei und ihre politischen Positionen ablehnen.
Die Beweggründe waren auf beiden Seiten unterschiedlich. Bei den Besuchern des Bürgerdialogs ging es unter anderem um hohe Lebenshaltungskosten, Kraftstoffpreise, Unzufriedenheit mit der Bundespolitik oder den Wunsch, sich selbst ein Bild von der AfD zu machen. Auf der Gegenseite standen Sorgen um gesellschaftliche Vielfalt, Menschenrechte und die politische Entwicklung im Mittelpunkt.
An diesem Abend trafen diese Sichtweisen in Geisa unmittelbar aufeinander – lautstark, aber friedlich.
Und vielleicht war genau das der wichtigste Punkt des Abends: 500 Menschen im Kulturhaus und rund 120 davor waren politisch weit voneinander entfernt – konnten aber ihr jeweiliges Versammlungs- und Meinungsrecht wahrnehmen, ohne dass die Situation eskalierte.




























