Beitrag von Ralf Wilke – Ortschronist von Möhra
Die Lutheriden-Vereinigung feiert ihr 100-jähriges Bestehen. Auch Möhra spielt in der Familiengeschichte eine wichtige Rolle: Einige Einwohner des Ortes gehören der Vereinigung an und nahmen am Jubiläumstreffen in Eisenach teil. Der Besuch von Leo Luther aus den USA bot Gelegenheit, die gemeinsamen familiären Wurzeln zu erkunden und die Zusammenarbeit in der Lutherforschung weiter zu vertiefen.
„Meine liebe Stadt“ – so soll Martin Luther Eisenach bezeichnet haben. In der Wartburgstadt wurde im Juni 1926 die Lutheriden-Vereinigung gegründet.
Ein Jahrhundert später kehrte die Vereinigung zu ihren Wurzeln zurück und feierte ihr Jubiläum in Eisenach. Für Ralf Wilke, der sich seit Jahren mit der Luthergeschichte in Möhra beschäftigt, war das Jubiläum ein besonderer Anlass, die Verbindung zwischen dem Ort und den Nachkommen der Familie Luther weiter zu erforschen.

Ursprünglich war ein ganztägiges Treffen in Möhra geplant. Professor Wolfgang Alt, mit dem Ralf Wilke seit einigen Jahren zur Lutherhistorie im Ort im Austausch steht, musste jedoch kurzfristig absagen.
Als Gastredner war Leo Luther aus den USA vorgesehen. Dessen Urgroßvater war mit seiner Familie aus dem heutigen Gräfen-Nitzendorf ausgewandert.
So wurde aus dem geplanten Treffen eine besondere Premiere: Ralf Wilke führte Leo Luther, seine Verwandten und einen Dolmetscher erstmals durch Möhra und machte sie mit den historischen Spuren ihrer Familiengeschichte vertraut.
Auf den Spuren von Heine und Hans Luder
Die Führung begann in der Lutherkirche. Der Altarraum umfasst die ursprüngliche alte Kapelle, in der noch der vorreformatorische Altar mit den Weihekreuzen zu sehen ist. Bereits die Großeltern Martin Luthers sollen hier den Gottesdienst besucht haben.
Heine Luder und seine Frau Anna Margaretha, geborene Ziegler, bewohnten ursprünglich den Lutherhof, auch „Luttern“ genannt. Dieser lag damals außerhalb von Möhra, nördlich des Ortes am Weg in Richtung Kupfersuhl. Ihre Söhne waren bereits in Möhra ansässig.

Nur der älteste Sohn, Hans Luder, genannt „Hans der Große“, verließ den Ort. Zunächst arbeitete er als Bauer und Berghäuer, später zog es ihn nach Eisenach. Dort lernte er seine spätere Frau Margaretha Lindemann kennen.
Die Hochzeit fand in ihrer Heimatstadt Eisenach statt. Als junges Ehepaar zog die Familie anschließend nach Möhra, wo der erste Sohn Wolf Luder geboren wurde.
Kurz vor der Geburt Martin Luthers zog die Familie von Möhra nach Eisleben. Martin Luther kam am 31. Oktober zur Welt und wurde am folgenden Tag getauft – am Namenstag des heiligen Martin.
Das genaue Geburtsjahr ist bis heute nicht eindeutig belegt. Zeitgenössische Aufzeichnungen dazu fehlen, und auch Luther selbst war sich offenbar nicht sicher. Sein Freund Philipp Melanchthon legte das Jahr 1483 fest.
Dabei spielte auch dessen Beschäftigung mit Astrologie eine Rolle: Melanchthon hielt die Planetenkonstellation dieses Jahres für besonders günstig für Luthers späteren Lebensweg.
Die Grabplatte Luthers in Wittenberg nennt hingegen das Jahr 1482. Bis heute gibt es Anfragen und Vermutungen, ob Martin Luther möglicherweise doch in Möhra geboren worden sein könnte.

Ein Jahrhundert Familiengeschichte
Die Lutheriden-Vereinigung wurde im Juni 1926 in Eisenach gegründet. In den Jahren 1960 bis 1990 erschienen die ersten Nachkommenbücher für Luther-Stammverwandte, darunter auch Nachkommen von Heine Luder. Sie konnten als sogenannte „assoziierte Mitglieder“ in die Vereinigung aufgenommen werden.
Die Verbindung zwischen Möhra und den Lutheriden reicht über viele Jahrzehnte zurück. 1983 stand das Lutherjahr in Möhra unter intensiver Beobachtung durch die Staatssicherheit. 1991 besuchten die Lutheriden im Rahmen ihres Familientages in Eisenach auch Möhra. Der damalige Pfarrer Christoph Neumann empfing sie mit einem Bänkellied über Luther.
Ein Jahr später spendete die Lutheriden-Vereinigung 1.000 D-Mark für die neue Kirchenheizung. 1996 wurde der 450. Todestag Martin Luthers mit einem Lutherfest begangen. Dabei stellte man die Enthüllung des Lutherdenkmals von 1861 nach – einschließlich der Darstellung von Erbprinz Herzog Georg II. und seiner Gemahlin.

Am Geburtstag Martin Luthers wurde 2002 das Lutherzimmer in Möhra eröffnet. Auch Leo Luther und seine Verwandten besuchten diesen Ort zum Abschluss ihrer Führung mit Ralf Wilke.
Im Vorfeld des 500. Reformationsjubiläums 2017 stellten Einwohner Möhras die bekannte Grafik von Schwerdtgeburt nach, die Luthers Predigt in Möhra zeigt. Das Motiv wurde als große Tafel auf dem Lutherplatz aufgestellt.
Möhra rückt stärker in den Fokus
Im Jahr 2020 veröffentlichte die Lutheriden-Vereinigung aktualisierte Nachkommenbücher. Durch die Vermittlung von Professor Wolfgang Alt, dem Beauftragten für Genealogie bei den Lutheriden, rückte Möhra stärker in den Fokus der Vereinigung.
Alt besuchte den Ort mehrfach und wurde für Ralf Wilke zu einem wichtigen Mitforscher. Gemeinsam mit weiteren Familienforschern arbeitet er im Genealogie-Arbeitskreis der Vereinigung an der Aufarbeitung der Familiengeschichte.
Mit Unterstützung des Vorstandes fand 2023 das erste Themenwochenende in Möhra statt. Drei Workshops widmeten sich unterschiedlichen Schwerpunkten:
- Lokale Lutherforschung: Großenlüder, Eckardtshausen und Schweina
- Familienforschung: Möhra
- Baugeschichte: Lutherhäuser in Möhra
Seit einer Satzungsänderung im Jahr 2004 können auch Stammverwandte der Vereinigung beitreten. Davon haben inzwischen mehrere Einwohner Möhras Gebrauch gemacht. Sie nahmen auch am Jubiläumstreffen 2026 in Eisenach teil.

Jubiläumstreffen mit einem besonderen Geschenk
Zum 100-jährigen Bestehen der Lutheriden-Vereinigung erschien das Jubiläumsbuch „Wurzeln bewahren, Zukunft gestalten“ im BoD-Verlag. Bei der Vorstellung des Buches am Freitag, dem 11. September 2026, war Hannes Knott, Ortsteilbürgermeister von Moorgrund, als Ehrengast anwesend.
Auch seine Vorfahrenlinie führt zu Hans Luther dem Kleinen zurück.
Beim Jubiläumstreffen kam Ralf Wilke erneut mit Leo Luther und dessen Verwandten aus den USA zusammen. Ein besonderer Moment des Festabends war die Übergabe eines Buches an die Lutheriden-Vereinigung: Leo Luther überreichte das 1984 erschienene Werk „Luther Families of Möhra, Germany“, das er gemeinsam mit Joanne Pry Howard verfasst hatte.
Das Buch dokumentiert zahlreiche Stammbäume von Menschen, deren Vorfahren aus Möhra in die USA ausgewandert waren.

Gemeinsame Wurzeln, gemeinsame Zukunft
Der Besuch aus den USA und das Jubiläum in Eisenach zeigen, wie eng die Geschichte Möhras mit den Nachkommen der Familie Luther verbunden ist.
Die Zusammenarbeit zwischen der Lutheriden-Vereinigung, den Familienforschern und den Menschen vor Ort eröffnet neue Möglichkeiten, bislang offene Fragen zu klären und weitere Stammlinien zu erforschen.
Für Ralf Wilke steht fest: Die noch anstehenden Recherchen zu den Familien aus Möhra und zur Luthergeschichte bieten gute Perspektiven für eine weitere vertrauensvolle und fruchtbare Zusammenarbeit mit der Lutheriden-Vereinigung.
