Pflegende nachhaltig stärken – Nachhaltigkeitswerkstatt des AWO Quartier Eichenzell

Gastbeitrag von Udo Bauch

Wenn ein Mensch pflegebedürftig wird, verändert sich oft das ganze Leben einer Familie. Pflegende An- und Zugehörige übernehmen Verantwortung – Tag für Tag, häufig über Jahre hinweg.

Sie organisieren Arzttermine, leisten körperlich anstrengende Pflege, spenden Trost, hören zu und stellen ihre eigenen Bedürfnisse nicht selten hinten an. Diese stille, unverzichtbare Leistung verdient nicht nur Anerkennung, sondern vor allem konkrete Unterstützung.

Um genau hier anzusetzen, startete im März 2024 in der Gemeinde Eichenzell das Projekt „Pflegende An- und Zugehörige im Quartier – Gesundheit fördern, Prävention stärken“ (PflAQ).

Das bundesweite Modellprojekt wird von 2024 bis 2026 an fünf ausgewählten Standorten in Kooperation des AWO-Bundesverbandes e.V. mit dem Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek) umgesetzt. Ziel ist es, gesundheitsfördernde und präventive Strukturen direkt im Lebensumfeld der Menschen aufzubauen und dauerhaft zu verankern.

Im Mittelpunkt stehen dabei die pflegenden An- und Zugehörigen selbst – als Expertinnen und Experten für ihre eigene Lebensrealität. Denn nur wer selbst gesund bleibt, kann dauerhaft für andere da sein.

Gesundheitsförderung beginnt vor der Haustür

In Eichenzell hat Quartiersmanagerin Andrea Tabaka frühzeitig einen engagierten Steuerungskreis ins Leben gerufen.

Gemeinsam mit Fachkräften, Inklusionsnetzwerkerinnen und -netzwerkern sowie Sozialraumakteuren wurden bedarfsgerechte Angebote entwickelt, die informieren, entlasten und stärken.

Ein besonderer Moment der „Nachhaltigkeitswerkstatt“ war der ausführliche Rückblick von Andrea Tabaka auf die bisherigen Aktivitäten des Projekts. Mit spürbarem Engagement ließ sie die vergangenen Monate Revue passieren und machte deutlich, wie viel sich seit dem Projektstart bewegt hat.

Sie erinnerte an gut besuchte Fachvorträge zu Pflegeleistungen und Demenzerkrankungen, an stärkende Resilienz- und Yogakurse, an gemeinsame Kochabende, Gedächtnistrainings und das regelmäßige Erzählcafé, das vielen Teilnehmenden zu einem festen Treffpunkt geworden ist.

Diese Angebote seien nicht nur Informationsveranstaltungen gewesen, sondern Orte der Begegnung, der gegenseitigen Unterstützung und des Kraftschöpfens.

„Es ist berührend zu sehen, wie sich aus einzelnen Veranstaltungen ein tragfähiges Netzwerk entwickelt hat“, so Tabaka.

Die durchweg positive Resonanz zeige, wie groß der Bedarf – aber auch wie wertvoll solche niedrigschwelligen Gesundheits- und Entlastungsangebote im direkten Lebensumfeld seien.

„Unser Ziel ist es, pflegende Angehörige nicht nur zu beraten, sondern ihnen ganz konkrete Möglichkeiten zur Entlastung und zur Stärkung ihrer eigenen Gesundheit zu bieten“, betonte sie.

Nachhaltigkeit mit Herz und Verantwortung

Ein wichtiger Meilenstein war die Arbeitstagung unter dem Motto „Nachhaltigkeitswerkstatt“ im AWO-Altenzentrum Eichenzell.

Mitglieder des Steuerungskreises, Fachreferentinnen und -referenten sowie selbst betroffene pflegende Angehörige kamen zusammen, um Bilanz zu ziehen und gemeinsam Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Besonders begrüßt wurde Maya Lesage, Projektreferentin des AWO-Bundesverbandes e.V. aus Berlin. Mit viel Fachkompetenz und spürbarem Engagement führte sie durch die Veranstaltung und stellte die bisherigen Projektphasen sowie Handlungsempfehlungen für eine nachhaltige Gesundheitsförderung vor.

In der Vorstellungsrunde wurde schnell deutlich, wie hoch die Belastungen im Pflegealltag sind – körperlich, seelisch und organisatorisch. Zugleich wurde klar: Gute Pflege braucht starke Rahmenbedingungen.

Viele strukturelle Herausforderungen können vor Ort nur begrenzt gelöst werden. Hier sind Politik und Gesellschaft gleichermaßen gefordert.

Konkrete Schritte für mehr Entlastung und echte Teilhabe

Aus der intensiven Diskussion gingen zwei zentrale Anliegen hervor:

Zum einen der Wunsch nach einem wohnortnahen Tagespflegeangebot, das pflegende Angehörige spürbar entlastet und ihnen Freiräume für Erholung, Beruf oder eigene Termine schafft.

Zum anderen die Einrichtung eines Fahrdienstes für Menschen mit Behinderung – insbesondere für Rollstuhlfahrende. Mobilität bedeutet Teilhabe. Wer nicht selbstständig von A nach B gelangen kann, bleibt oft ausgeschlossen. Ein Fahrdienst würde Barrieren abbauen und gesellschaftliche Teilhabe für alle Bürgerinnen und Bürger in Eichenzell ermöglichen.

Als konkretes Ergebnis wurden zwei Arbeitskreise gegründet:

  • Arbeitskreis „Fahrdienst“ (Start: April 2026):
    Mitglieder: Christine Kress, Andrea Tabaka, Marielene Schmidt-Nohl, Kerstin Wehner-Hohmann, Ingo Hohmann, Michael Hohmann und Udo Bauch.
  • Arbeitskreis „Tagespflegeangebot“ (Start: Juni 2026):
    Mitglieder: Karin Laube, Andrea Tabaka, Ingo Hohmann, Michael Hohmann und Udo Bauch.

Beide Gruppen werden sich intensiv mit Machbarkeit, Finanzierung und organisatorischer Umsetzung befassen. Ihr Engagement zeigt: Verantwortung für gute Pflege ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

Gute Pflege braucht gute Arbeitsbedingungen

Im Rahmen der Gespräche wurde auch deutlich, wie wichtig die Unterstützung von Pflegekräften ist. Ohne qualifiziertes und motiviertes Personal kann gute Pflege nicht gelingen.

Karin Laube, Einrichtungsleiterin des AWO-Altenzentrums Eichenzell, unterstrich, dass attraktive Rahmenbedingungen – etwa eine verlässliche Kinderbetreuung – entscheidend seien, um Pflegekräfte zu gewinnen und langfristig zu halten.

Pflege ist ein Beruf mit hoher Verantwortung und großer menschlicher Bedeutung. Wer Pflege stärkt, stärkt den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Pflege braucht starke Netzwerke, Anerkennung und Solidarität

Die „Nachhaltigkeitswerkstatt“ hat eindrucksvoll gezeigt: Pflegende An- und Zugehörige dürfen mit ihrer verantwortungsvollen Aufgabe nicht allein gelassen werden. Sie brauchen Anerkennung, konkrete Entlastung, verlässliche Strukturen und echte gesellschaftliche Wertschätzung.

Mit dem Projekt in Eichenzell wird ein wichtiger Beitrag geleistet, um Gesundheitsförderung, Prävention und soziale Teilhabe dauerhaft im Quartier zu verankern.

Beim abschließenden Austausch wurde spürbar, wie viel Engagement, Mitgefühl und Zukunftsorientierung in der Gemeinschaft steckt.

Gute Pflege geht uns alle an. Sie ist ein Gradmesser für Menschlichkeit – und für den Zusammenhalt einer Gesellschaft.