Wenn die Nacht den Hexenstein umhüllt: Geschichten aus der Hohen Rhön

Gastbeitrag von Siegfried Hartmann

Der Wind pfeift unbarmherzig über die Frankenheimer Höhe. Hier oben, unweit des höchsten Dorfes der Rhön, wo die Natur ebenso rau wie atemberaubend ist, ruht ein stummer Zeuge alter Ängste: Ein gewaltiger Basaltfindling, dunkel und von Flechten überzogen.

Heute wandern Familien auf dem „Entdeckerpfad Hohe Rhön“ fröhlich an ihm vorbei, doch wenn die Dämmerung hereinbricht und die Nebelschwaden über die Wiesen kriechen, erinnern sich die ältesten Bewohner Frankenheims noch an seinen wahren Namen – den Hexenstein.

Man flüstert von einem verfluchten Schatz, der tief unter dem schweren Felsgestein vergraben liegen soll. Doch viel präsenter als das Gold ist der Name derer, die mit diesem Ort auf ewig verbunden ist: Rosette. Im ganzen Dorf nannte man sie nur ehrfürchtig und voller Furcht „Schützette“.

Rosette war keine gewöhnliche Frau. Wenn ihre dunkle Gestalt durch die schmalen Gassen von Frankenheim schritt, verstummten die Gespräche. Die Mütter rissen ihre Kinder ins Haus und die Männer schlugen hastig das Zeichen des Kreuzes.

Es gab ein ungeschriebenes Gesetz im Dorf, eine eiserne Regel, die über Leben und Ruin entscheiden konnte: Wenn Schützette dir eine Frage stellt, antworte niemals mit „Ja“.

Es war ein nasskalter Herbsttag. Der bittere Rhönwinter kündigte sich bereits an, und auf dem Hof der Familie Holz zerschnitt das kreischende Geräusch einer Säge die Stille.

Die junge Frieda und ihre Großmutter arbeiteten im Akkord, um den lebenswichtigen Wintervorrat an Feuerholz zu sichern. Schweiß stand auf Friedas Stirn, ihre Muskeln brannten.

Plötzlich verdunkelte ein Schatten das spärliche Sonnenlicht. Die Säge stockte. Da stand sie. Schützette. Ihre Augen bohrten sich in die der beiden Frauen. Die Luft schien mit einem Mal eisig zu werden.

Die alte Frau öffnete den Mund und stellte mit krächzender, unheilvoller Stimme eine so banale Frage, dass sie wie Hohn klang: „Sägt Ihr Holz?“

Die Großmutter, starr vor Schreck, wollte gerade zu einer sicheren, ausweichenden Antwort ansetzen – ein rettendes „Das siehst du doch“ lag ihr bereits auf der Zunge.

Doch Frieda, erschöpft und in Gedanken noch bei der harten Arbeit, reagierte zu schnell. Unüberlegt und fatal entwischte ihr das verbotene Wort: „Ja.“

Kaum war die Silbe in der kalten Luft verhallt, huschte ein unheimliches Lächeln über Rosettes Gesicht. Sie sagte kein weiteres Wort. Stattdessen wandte sie sich langsam ab und ging geradewegs auf die Weide zu, wo die einzige Milchkuh der Familie stand.

Das Tier schnaubte unruhig, als die Hexe herantrat. Mit einer fast zärtlichen, aber zutiefst unnatürlichen Bewegung strich Schützette der Kuh mit ihrer knöchernen Hand sanft über das Euter. Dann verschwand sie im Nebel.

Das Grauen offenbarte sich am nächsten Morgen. Als Frieda den Melkeimer ansetzte, kam kein einziger Tropfen Milch. Die Kuh war vollkommen versiegt.

Für die ohnehin schon bitterarme und kinderreiche Rhönfamilie war dies kein bloßer Verlust – es war eine Katastrophe, die den Hunger ins Haus rief.

Die Nachricht von der verhexten Kuh verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Der alte Rhönbauer Michel, ein sturer und zutiefst abergläubischer Mann, schäumte vor Wut. Er hatte genug von der ständigen Angst.

Wild entschlossen stapfte er los, um Schützette zur Rede zu stellen. Als er sie fand, brüllte er sie an, nannte sie eine bösartige alte Hexe und warf ihr den Fluch über die Kuh ins Gesicht.

Wer nun erwartete, die Hexe würde sich verteidigen oder leugnen, irrte sich gewaltig. Rosette baute sich vor dem wütenden Bauern auf. Ihr Gesicht verzog sich zu einer spöttischen Fratze, und ein raues, meckerndes Lachen brach aus ihr heraus.

„Ach, Michel“, zischte sie mit blitzenden Augen, „wenn ich wirklich hexen könnte... glaubst du nicht, ich hätte längst meinen morschen, alten Gartenzaun hierher und euren schönen, funkelnagelneuen Zaun zu mir hinüber gezaubert?“

Dem Bauern blieb die Sprache weg. War es ein Geständnis? Ein bloßer Spott? Die Ungewissheit war schlimmer als jede Bestätigung.
Von diesem Tag an mied ganz Frankenheim die Hexe Rosette endgültig.

Man wechselte die Straßenseite, man schloss die Fensterläden. Nur in tiefster Nacht, wenn der Mond hinter Wolken verborgen war, schlichen die mutigsten und tollkühnsten Burschen der Dorfjugend hinauf zur Frankenheimer Höhe.

Dort, am großen Basaltstein, riefen sie in die Dunkelheit, um die Hexe zu necken – immer bereit, beim kleinsten Knacken im Unterholz schreiend die Flucht zu ergreifen.

Noch heute liegt der Hexenstein an der Wendeschleife. Und wer auf dem Entdeckerpfad der Hohen Rhön wandert und an dem stillen Felsbrocken rastet, sollte sich gut überlegen, wem er dort begegnet. Und vor allem: welche Antworten er gibt.