Musiker-Duo erzählt auf Point Alpha: Der Traum von Freiheit & Rock‘n‘Roll

Gastbeitrag von Wolfgang Weber

Sie vereint der Rhythmus im Blut und die Sehnsucht nach Freiheit: Bei einem kurzweiligen Talk mit Musik standen zwei Künstler im Scheinwerferlicht auf der Bühne der Point Alpha Stiftung im Haus auf der Grenze.

Unter dem Titel „Stasiknast und Ostseeflucht“ erzählten Dietrich Kessler und Eberhard Klunker dem Publikum ihre bewegenden Biografien - unterbrochen von bluesigen und rockigen Melodien, wenn sie zwischendurch zu den Instrumenten griffen.

Kessler und Klunker berichten von den Einschränkungen und dem Frust im Arbeiter- und Bauernstaat und von ihren unterschiedlichen Wegen, aus der DDR in den Westen zu gelangen.

Sie schildern, was sie antrieb, sich den staatlichen Zwängen zu entziehen und der DDR trotz des Verlustes einer Fan-Gemeinde und Freunde den Rücken zu kehren. Zu den Erinnerungen erklingen Blues- und Rocksongs, von „Watch Tower“, „Orientexpress“ bis zu „Mellow Yellow“.

Für den Gesang sorgt zusätzlich Hartmut Rüffert mit seinem dunklen Bariton. Der Experte für DDR-Rockmusik und deren zeitlosen deutschen Texte gehörte einst zu den Ex-Oppositionellen in der DDR und fungierte am Veranstaltungsabend als Moderator der Gesprächsrunde.

Die rund 130 Zuhörer im vollbesetzten Forum der Gedenkstätte Point Alpha lauschten aufmerksam und waren erstaunt, dass eine respektable Anzahl an Lebensringen der Virtuosität an Gitarre, Querflöte oder Saxophon scheinbar nichts anhaben kann.

Begrüßt worden waren die Zuschauer vom Geschäftsführenden Vorstand der Point Alpha Stiftung, Benedikt Stock, der sich bei der Sächsischen Staatskanzlei für die Kooperation und Förderung des Projektes bedankte.

Dietrich Kessler war Chef der bekannten Rockband "Klosterbrüder", die sich 1975 in "Gruppe Magdeburg" umbenennen musste. Die Band stellte 1981 - einzigartig in der DDR - einen kollektiven Antrag „zur Übersiedlung in die Bundesrepublik“.

Weil er sich damit gegen den Staat gestellt hatte, waren Überwachung und Denunziation für Kessler und seine Familie die Folge. Bis eines Tages es an der Tür klingelte und die Stasi ihn einfach mitnahm.

Im Juni 1983 landete er wegen „landesverräterischer Agententätigkeit“ hinter Gittern. Der Stasi-Knast mit seinen knallharten Verhören war eine enorme Belastung.

„Wir wurden behandelt wie Top-Agenten und die Anschuldigungen gipfelten in dem absurden Vorwurf, er habe den dritten Weltkrieg anzetteln wollen.“

Nach 16 Monaten Gefängnis wurde Kessler für 100.000 D-Mark freigekauft. Verfrachtet in einem Kleinbus wurde er über die Grenze gebracht, eskortiert vom goldenen Mercedes des Rechtsanwaltes und Hauptunterhändlers Dr. Wolfgang Vogel.

Im Westen wurde Kessler mit der Nationalhymne der BRD empfangen und in dem Moment wusste Kessler, dass er angekommen war. Niedergeschrieben hat der 80-Jährige seine beklemmenden Erlebnisse im Buch „Stasi-Knast“.

Eberhard Klunker begann seine Profi-Laufbahn als Gitarrist bei der "Modern Soul Band". Bis zu seiner spektakulären Flucht 1975 arbeitete er mit vielen bekannten Künstlern in der DDR zusammen.

„Ich dachte, jetzt ist es aus. Nichts. Keine Sirene, keine Motorboote, die auf uns zu jagen. Nichts. Los, weiter.“ Der damals 23-Jährige verspürt einen gewaltigen Schreck als er bei seiner Republikflucht vom Lichtkegel der Grenzer erfasst wird.

Da saß er nämlich mit seinem Kumpel Olaf Wegener in einem kleinen Gummischlauchboot. Beide waren gerade dabei, über die Ostsee aus der DDR zu türmen. Als Wehrdienstverweigerer war er ins Visier der Stasi geraten und für ihn als Rock 'n' Roller war Anpassung sowieso keine prägende Eigenschaft.

Mit dem Bus waren Klunker und Wegener zuvor auf die Insel Poel gereist. Im Campingbeutel das Schlauchboot gefaltet, die Paddel in ein Angelfutteral versteckt.

Mehr hatten die jungen Kerle nicht dabei. In einem günstigen Moment schlugen sich die „Angler“ in die Büsche, warteten die Dunkelheit ab. Für Angst war keine Zeit, ständig war Wasser aus der Nussschale zu schöpfen. Navigiert wurde mit einem Kompass. Nach 16 Stunden endlich Land in Sicht.

„Wir waren im Westen, weil auf einem Werbeballon Nivea zu lesen war. „Schau mal genau hin, ob da nicht Florena draufsteht, dann müssen wir weiterrudern“, witzelte Klunker, der schon blutige Hände vom Rudern hatte. Am Strand liefen viele Leute herbei, um uns zu helfen, den „Fuß auf freies Land zu setzen“.

Es gab Zigaretten und sogar Schnaps für die Schlauchbootfahrer, die erfuhren, dass sie in Dahme in Schleswig-Holstein angekommen waren.

In der anschließenden Diskussionsrunde gab es neugierige Nachfragen der Besucher und die Musiker blieben keine Antwort schuldig. So hat der 73-jährige Klunker als renommierter Gitarrensolist nach der Flucht in allen Herren Ländern die Musik gespielt und die Texte gesungen, so wie es ihm gefiel.

Und auch Kessler ist seinen Weg gegangen, hat komponiert, einen Buchverlag gegründet und die „Klosterbrüder“ wieder zum Leben erweckt. Beide haben die Melodie der Freiheit im Westen ausgekostet.

Der Rhythmus rockt und swingt unaufhaltsam durch ihre Adern. Das war zu spüren, als sie mit den Klängen von „Was wird morgen sein?“ die begeisterten Besucher auf Point Alpha verabschiedeten.