Mitteilung des Bistums Fulda
Bischof Dr. Michael Gerber ruft Lehrende der Theologie und Leitungsverantwortliche in der Kirche dazu auf, ihre Verantwortung im öffentlichen Diskurs selbstbewusst wahrzunehmen.
In seiner Predigt im Rahmen der Jahresversammlung des Katholisch-Theologischen Fakultätentags betonte der Fuldaer Bischof am Freitag, die Würde des Menschen sei die unverfügbare Grundlage der universal geltenden Menschenrechte.
Gerade angesichts politischer Polarisierungen, globaler Krisen und tiefgreifender Umbrüche komme theologischer Bildung und kirchlicher Leitung gemeinsam die Aufgabe zu, diese Grundüberzeugung argumentativ zu erschließen und öffentlich zur Sprache zu bringen.
Während der Eucharistiefeier anlässlich der Jahresversammlung des Katholisch-Theologischen Fakultätentags in Fulda legte Bischof Dr. Michael Gerber das Tagesevangelium von der Berufung der Zwölf im Blick auf die heutige weltpolitische Situation aus, in der zentrale Orientierungen unter Druck geraten.
„Wir befinden uns zu Beginn des Jahres 2026 weiter in einer Phase massiver Umbrüche“, sagte der Bischof. Allein die Schlagzeilen der vergangenen Tage etwa im Zusammenhang mit Grönland sowie dem Weltwirtschaftsforum in Davos machten dies deutlich.
Daher stelle sich für Gesellschaften und Institutionen neu und dringlich die Frage, was Menschenrechte und Völkerrecht noch gelten und auf welcher Grundlage sie eingefordert werden können.
Unverfügbare Grundlage der Menschenrechte
Menschenrechte seien kein historisches Nebenprodukt bestimmter Konstellationen, sondern Ausdruck einer unverfügbaren Würde des Menschen, betonte Gerber. Altes und Neues Testament begründen diese im schöpferischen Handeln Gottes.
Die Menschenrechte hätten gerade dort ihr Profil, wo sie den institutionell Schwächeren schützen. Zugleich warnte der Bischof vor jeder Instrumentalisierung solcher Werte.
Menschenrechte müssten unbedingtes Ziel menschlichen Handelns bleiben. „Daher gibt es sie nur als universale Rechte – oder es gibt sie eben nicht“, betonte er.
Bischof Gerber verband diese Linie ausdrücklich mit einem Auftrag an Theologie und theologische Fakultäten. Es brauche, so der Bischof, eine argumentative und sprachfähige Vermittlung, die auch außerhalb kirchlicher Binnenlogiken verständlich bleibt.
„Offensichtlich braucht es dazu tatsächlich aufs Neue eine kritische Hermeneutik und eine argumentationsstarke Artikulation“, so Gerber.
Kooperation und Verständigung
Dabei gehe es nicht um Abgrenzung, sondern um Kooperation. Gerber warb dafür, den Schutz der Menschenwürde als gemeinsame Grundlage zu formulieren und mit anderen Partnern in Gesellschaft und Wissenschaft handlungsfähig zu bleiben: Eine vorrangige Aufgabe von Lehrenden der Theologie und Leitungsverantwortlichen in der Kirche sei es, „zusammen mit Menschen guten Willens unterschiedlicher weltanschaulicher Herkunft die unverfügbare Grundlage der universal geltenden Menschenrechte zu verdeutlichen.“
Diese Verständigungsarbeit müsse sich, so Gerber, auch an den aktuellen Infragestellungen von Menschenrechten, Völkerrecht und internationaler Ordnung bewähren.
Theologie solle dazu beitragen, die Grundlagen des Gemeinwesens argumentativ zu klären, sprachfähig zu machen und in den öffentlichen Diskurs einzubringen – im Dialog und, wo nötig, auch in kritischer Auseinandersetzung.
Erinnerung und Aufarbeitung
Deutlich sprach Gerber dabei auch über Verantwortung im Umgang mit der Geschichte. Der Bischof warnte vor Versuchen, Geschichte im Interesse aktueller Politik umzuschreiben.
Juden und Christen hätten hier ein kulturgeschichtlich bedeutendes Erbe einzubringen. Gerber nannte sie „Mahnerinnen und Mahner einer heilsamen und zugleich gefährlichen Erinnerung“.
In diesem Zusammenhang ging Gerber auch auf die innerkirchliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt ein. Neben der vorrangigen Verantwortung gegenüber Betroffenen gehe es dabei um eine grundlegende Bewährungsprobe kirchlicher Glaubwürdigkeit.
Es sei ein Ernstfall, wie sich Kirche in der Spur des Alten und Neuen Testaments kritisch mit eigener Geschichte auseinandersetzt, betonte der Bischof.
Bildung, Reifung und Verantwortung
Gerber verband den Blick auf gesellschaftliche Umbrüche mit Fragen der Bildung und Persönlichkeitsentwicklung: Bildung sei mehr als Wissensvermittlung. Sie müsse befähigen, Verantwortung zu übernehmen und dabei lernfähig zu bleiben.
Diese Perspektive richtete er ausdrücklich an Leitung und Lehre. Mit Blick auf die Jüngerinnen und Jünger Jesu stellte Gerber eine Leitfrage an die Zukunft von Kirche und Theologie: „Wie bleiben wir selbst, als Bischöfe und als Lehrende der Theologie, lebenslang Wachsende?“
Der Bischof unterstrich, dass es dabei um eine geistliche und personale Reifung gehe, die aus dem Evangelium her zu denken sei.
Leitungsverantwortung brauche eine Haltung, die nicht bei Funktionalität stehenbleibe, sondern sich immer wieder neu vom Auftrag her prüfen lasse.
Schwerpunkt theologische Bildung
Fragen theologischer Bildung, Ausbildung und geistlicher Reifung gehören seit vielen Jahren zu Gerbers inhaltlichen Schwerpunkten.
Er war unter anderem Regens des Erzbischöflichen Priesterseminars in Freiburg, später als Weihbischof der Erzdiözese Freiburg auch Bischofsvikar für den Bereich Pastorale Aus- und Weiterbildung.
Auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz leitet Bischof Gerber die Kommission für Geistliche Berufe und Kirchliche Dienste.
In diesem Rahmen befasst er sich unter anderem mit der Weiterentwicklung kirchlicher Berufe sowie mit Studium, Aus- und Weiterbildung von Priestern und weiteren pastoralen Mitarbeitenden.
Darüber hinaus ist er seit September 2023 stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz.
