Leserbrief von Christian Herzog
Kindergartenschließung für den demografischen Wandel oder: Wie fehlende Opposition zu Fehlentscheidungen führt
Wir Anwohner mussten mit Bedauern die Entscheidung über die Schließung der Kindertagesstätte Pferdsdorf aufnehmen, die Anfang der vergangenen Woche vom Gemeinderat getroffen wurde. Einer der schönsten Kindergärten der Region, mit viel Natur und Umwelt für die Kinder, soll geschlossen werden. Man fragt sich, warum, und man fragt sich, was das überhaupt soll.
Der ein oder andere wird sich vielleicht über die Formulierung „[…]schließung für den demografischen Wandel […]“ gewundert haben. Aber das „für“ ist hier leider korrekt. Denn ein Kindergarten im Ort ist ein Instrument, um Familien im Ort zu halten oder neu willkommen zu heißen. Ein Abbau sozialer Infrastruktur fördert immer den demografischen Wandel.
Das wäre erstmal nicht unbedingt hervorzuheben, wenn nicht genau der demografische Wandel von der Gemeindevertretung als Argument für die Schließung herangezogen worden wäre. Weniger Kinder, weniger Kindergärten, so die oberflächliche Logik der Kommunalpolitik.
Insgeheim geht es selbstverständlich um das geliebte Geld, was man aber gern hinter der kleinen Komplexität des Zusammenspiels von Betreuungsschlüssel und Angestelltenverhältnissen verstecken will. Seit Jahren wird am Rande des Betreuungsschlüssels agiert, um bloß keinen Euro zu viel auszugeben.
Das führte in der Vergangenheit schon oft zu personellen Problemen bei Krankheit etc. Jetzt scheint man sich darüber zu freuen, dass es weniger Kinder gibt und man mit der Schließung Geld sparen kann, obwohl es genau genommen ein Armutszeugnis darstellt, sich perspektivlos in ein Schicksal zu ergeben.
Richtig und sozial wäre es, sich über einen besseren Betreuungsschlüssel bei gleichbleibendem Personal und ggf. (die weitere Entwicklung basiert lediglich auf Annahmen) weniger Kindern zu freuen. Die Kosten für die Betreuung werden zudem auch zunehmend vom Land gegenfinanziert, welches den Betreuungsschlüssel erst 2025 verbessert hat. Hierin ist auch der klare Wunsch, hin zu besserer Betreuung, zu sehen.
Die Entscheidung der Gemeinde war nicht unumstritten, jedoch streiten immer lediglich einzelne Bürger. Der Gemeinderat begibt sich beständig in gruppendynamischen Konsens zustimmender Manier. Mitglieder anderer Ortsteile stimmen schnell zu, damit das Damoklesschwert nicht vielleicht doch noch ein anderes Ziel findet.
Eine kritische, ehrliche, gar oppositive Haltung innerhalb der Kommunalpolitik war von vornherein nicht zu erwarten. Dabei wäre es so wichtig, die Agierenden wieder daran zu erinnern, dass sie Angestellte der Bürger sind, um das Leben dieser zu verbessern, und keine Herrschenden, die in Eigennutz agieren dürfen. Hier fehlen Ehrlichkeit und Verständnis über die eigene Rolle im System.
Überspitzt gesagt sparen wir mit der Schließung des Kindergartens in der Gemeinde zukünftig ein paar Steuergelder, um im Anschluss die teureren Tapeten in den Prestigeobjekten zu verkleben. Was wir verlieren, ist die Perspektive für unsere Kinder, die gleichen schönen Erfahrungen zu machen, die wir als Erinnerung aus unserer Kindergartenzeit innehaben.
Wir verlieren ein Stück Kultur, ein Stück Schönheit, ein Stück Leben in einem Dorf, das seit Jahren gegen Identitätsverlust kämpft und sich politisch getrieben zu einer reinen Wohnstätte entwickelt. Und wir verlieren ein Instrument gegen den demografischen Wandel.
Der Inhalt der Leserbriefe gibt nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.
Gerne können Sie auch einen Leserbrief schreiben an : redaktion@rhoenkanal.de
Briefe werden nur mit vollem Namen veröffentlicht.

