Leserbrief von Roland Ernst
Bürgermeister der Gemeinde Unterbreizbach
Zum Beitrag: Leserbrief zur geplanten Schließung der Kindertagesstätte Pferdsdorf
Die geplante Schließung des Kindergartens Pferdsdorf bewegt viele Menschen. Das ist verständlich.
Umso bedauerlicher ist es, dass die öffentliche Debatte zunehmend von Unterstellungen, Vereinfachungen und romantisierenden Bildern geprägt wird, statt von Ehrlichkeit und Verantwortung.
Ja, der Kindergarten liegt schön und ist in einem guten baulichen Zustand. Aber kommunalpolitische Entscheidungen dürfen sich nicht an Erinnerungen orientieren, sondern müssen sich an Fakten messen lassen.
Und die Fakten sind eindeutig: sinkende Kinderzahlen, dauerhaft geringe Auslastung und eine finanzielle Verantwortung gegenüber der gesamten Gemeinde.
Der häufig vorgebrachte Gedanke, ein Kindergarten sei ein wirksames Instrument gegen den demografischen Wandel, klingt eingängig – hält einer realistischen Betrachtung jedoch nicht stand.
In unserer Gemeinde gibt es nur eine Grundschule, und diese befindet sich in Sünna. Dennoch ziehen junge Familien nicht automatisch dorthin.
Wohnortentscheidungen sind komplex und hängen von Verfügbarkeit, Preisen, persönlicher Bindung und Lebensumständen ab – nicht von der bloßen Nähe zu einzelnen Einrichtungen. Die Annahme, ein Kindergarten allein steuere Zuzug oder Wegzug, greift schlicht zu kurz.
Besonders irritierend ist die moralische Empörung darüber, dass bei der Entscheidung auch finanzielle Aspekte eine Rolle spielen. Sparsamkeit ist keine Charakterschwäche, sondern eine gesetzliche Pflicht.
Wer fordert, Einrichtungen unabhängig von tatsächlichem Bedarf weiterzuführen, fordert indirekt höhere Belastungen oder Einsparungen an anderer Stelle – verschweigt dies jedoch gern.
Der Vorwurf, der Gemeinderat handle ohne Opposition, aus Gruppendruck oder gar im Eigennutz, verkennt die Realität kommunalpolitischer Arbeit. Sachliche Meinungsvielfalt existiert auch ohne populistische Dauerempörung.
Dass in unserer Gemeinde keine „Rechtsaußen“ Partei im Gemeinderat vertreten ist, mag manchem als „fehlende Opposition“ erscheinen – tatsächlich ist es ein demokratisches Zeichen von Stabilität und Verantwortungsbewusstsein.
Kritische Debatten brauchen Argumente, keine ideologischen Scharfmacher. Gemeinderäte sind ehrenamtlich tätig und tragen Verantwortung für die gesamte Gemeinde, nicht nur für einzelne Ortsteile. Entscheidungen dieser Tragweite entstehen aus Abwägung – nicht aus Gleichgültigkeit oder Machtstreben.
Ebenso wenig überzeugend ist die Erzählung vom angeblichen „Verlust von Kultur und Identität“. Ein Dorf verliert seine Identität nicht durch notwendige strukturelle Anpassungen. Es verliert sie, wenn jede Veränderung reflexhaft als Angriff gedeutet wird und Zukunftsfähigkeit mit Stillstand verwechselt wird.
Kinder verlieren durch diese Entscheidung weder Perspektive noch Förderung. Eine Betreuung findet weiterhin statt – in tragfähigen, nicht minder attraktiven Einrichtungen. Gute Betreuung bemisst sich nicht an Idylle oder Nostalgie, sondern an Qualität, Stabilität und langfristiger Sicherung.
Abschließend sei noch ein sachlicher Hinweis erlaubt: Entgegen der Darstellung im ursprünglichen Leserbrief wurde der Beschluss noch gar nicht gefasst. Dieser soll erst in der Gemeinderatssitzung am 3. Februar gefasst werden. Eine Debatte darf emotional sein – sie sollte jedoch auf korrekten Fakten beruhen.
Emotionen gehören zur Diskussion. Wer jedoch den demografischen Wandel beklagt und gleichzeitig jede Anpassung daran verurteilt, betreibt keine verantwortungsvolle Politik, sondern rückwärtsgewandte Symboldebatten. Diese helfen weder den Kindern noch der Gemeinde.
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