Wenn 561 Pfeifen Geschichte atmen – 170 Jahre Markert-Orgel in Neidhartshausen

Gastbeitrag von Julia Otto

Es gibt Instrumente, die mehr sind als Holz, Metall und Mechanik. Sie tragen Geschichten in sich – von Sparsamkeit und Mut, von handwerklicher Präzision und klanglicher Vision.

Genau davon erzählte die Markert-Orgel der St.-Michael-Kirche Neidhartshausen, als am Sonntag, 1. Februar, rund 75 Gäste ihr 170-jähriges Bestehen mit einer musikalischen Andacht feierten.

Unter dem Leitwort „Soli Deo Gloria – Allein Gott die Ehre (SDG)“ wurde die Orgel nicht nur gespielt, sondern regelrecht zum Sprechen gebracht.

Musikalisch Gestaltet wurde die Andacht von Sonja Schubert, Klaus-Henri Göbel und Paul Bernhardt, Studierende der Hochschule für Kirchenmusik Dresden, die Werke aus Renaissance, Barock und Romantik interpretierten.

Die geistliche Leitung hatte Pfarrerin Friederike Lakemann inne. Die Veranstaltung war zugleich eine Benefizveranstaltung zugunsten eines studentischen Kantatenprojekts, für das um Spenden gebeten wurde.

Musik als Türöffner zur Geschichte

Nach der musikalischen Eröffnung durch Sonja Schubert mit dem Präludium G-Dur op. 37,2 von Felix Mendelssohn Bartholdy und den Begrüßungen durch Sabine Göbel (Gemeindekirchenrat) und Pfarrerin Lakemann entwickelte sich der Gottesdienst zu einem „klangvollen Raum“, in dem – so Lakemann – Gott den Menschen dient und Menschen Gott antworten: hörend, spielend, fühlend.

SDG wurde dabei als geistliche Signatur verstanden – als Haltung der Musik selbst.

Der Orgelbauer nimmt die Gemeinde mit auf Zeitreise

Einen besonderen Höhepunkt des Nachmittags bildete der Vortrag von Christoph Schindler, direktem Nachfolger des Orgelbauers Johann Georg Markert.

Mit Sachkenntnis, Humor und spürbarer Verbundenheit zum Instrument zeichnete er einen Teil der bewegten Geschichte der Orgel nach.

Die Kirche St. Michael wurde ca. 1722 erbaut. Da die finanziellen Mittel der Gemeinde Neidhartshausen begrenzt waren, liegt die Annahme nahe, dass beim Neubau der Kirche das Instrument der Vorgängerkirche übernommen, erweitert und im Laufe der Zeit immer wieder angepasst wurde.

Ältere Bauteile in der Orgel und Hinweise in Akten aus dem Pfarrarchiv deuteten auf Bezüge zu Orgelbauern aus Ostheim, unter anderen auf Johann Ernst Döhring, der das bestehende kleine Werk erweiterte und Pedalpfeifen hinzufügte.

Christoph Schindler wies auf eine besondere Eigenheit der Orgel hin: die seitlichen Pedalpfeifen bestehen nicht aus Metall, sondern aus Holz und waren ursprünglich bemalt, um Kosten zu sparen.

Reste dieser Bemalung sind noch heute an den Innenpfeifen zu erkennen. Vergleichbare Pfeifen finden sich etwa an der Döhring-Orgel in Reichenhausen.

Geldmangel, Kompromisse – und am Ende doch ein Meisterwerk

Ein roter Faden durch die Akten sei stets das liebe Geld gewesen. Reparaturen am Pfarrhaus, undichte Dächer – all das verzögerte notwendige Maßnahmen an der Orgel.

So konnte 1832 zunächst nur eine Überarbeitung für 96 Gulden erfolgen. Doch schon 20 Jahre später war klar: Ein Neubau musste her.

Das erste Angebot von Markert sah unter anderem eine große zweimanualige Orgel vor – Kostenpunkt: über 400 Gulden. Ein stattliches Werk, das den Kirchenraum klanglich füllen sollte.

Doch die Summe war nicht aufzubringen. Stück für Stück wurde gekürzt, reduziert, angepasst. Am Ende standen 236 Gulden – während des Baus kamen durch zusätzliches Engagement einzelner Gemeindeglieder weitere Elemente hinzu: ein Prinzipal 8’, ein Cello 8’ im Pedal, neue Blasebälge.

Schließlich beliefen sich die Gesamtkosten auf rund 300 Gulden. Eine Investition, die Bestand hatte: „170 Jahre sind schließlich nicht nichts – zumal heute vieles kaum zehn oder fünfzehn Jahre Bestand hat,“ wie Christoph Schindler augenzwinkernd bemerkte.

Der Orgelbauer gab Einblick in das historische Abnahmegutachten von 1857, erstellt vom Kaltennordheimer Schullehrer Herrn Derschel. Darin wird die Orgel als sorgfältig und vertragsgemäß gebaut beschrieben.

Gelobt werden die langlebige Mechanik und die gleichmäßige Tastatur; zugleich wird eine etwas schwere Spielart erwähnt, verursacht durch starke, dauerhafte Federn – ein Detail, das heutigen Organisten noch immer vertraut ist und besonders bei virtuosen Stücken hör- und spürbar wird. Die in der Kirchgemeinde weniger zu Gehör kamen.

Christoph Schindler las aus dem Gutachten vor: „Die Tasten verlangen beim Gebrauch alle den gleichen Druck. Die Spielart wäre etwas elastischer zu wünschen. Die etwas schwere Spielart ist jedoch nur die Folge davon, dass die Federn sehr stark und dauerhaft sind.

Auch das etwas stärkere Geräusch, welches die Mechanik beim Spielen hören lässt, hat seine Gründe. Und es gilt, hier beide Umstände dem Orgelbauer nicht zum Vorwurf zu machen.“

Schließlich die Quizfrage an die Gemeinde: Wie viele Pfeifen hat die Orgel? Die Antwort: 561 Pfeifen.

Besonders geschätzt, so Schindler, seien die Flötenregister Markerts – etwa die Traversflöte 8’, deren warmer, weicher Klang gleich zu Beginn im Mendelssohn-Präludium zu hören war. Auch die Flöte 4’ aus Birnbaumholz prägte den Choral „Allein Gott in der Höh sei Ehr“.

Mit einem Augenzwinkern zeigte Schindler sogar, dass sich „Soli Deo Gloria – SDG“ nicht nur denken, sondern auch in Klang übersetzen lässt – gemeinsam mit den Studierenden entstand spontan ein musikalisches Motiv, das fast als Vorspiel zu „Befiehl du deine Wege“ hätte dienen können.

Musik, die trägt

Zwischen und nach dem Vortrag erklangen weitere Werke: Toccata nona von Girolamo Frescobaldi und Balletto von Bernardo Storace, gespielt von Klaus-Henri Göbel, „Diferencias sobre el canto llano del caballero“ von Antonio de Cabezón, interpretiert von Sonja Schubert, sowie Präludium und Fuge a-Moll BWV 543 von Johann Sebastian Bach.

Nach dem Segen schloss Paul Bernhardt den musikalischen Teil mit „Pièce d’orgue BWV 572“ von Johann Sebastian Bach. Der kräftige Applaus mündete in eine Zugabe – eine freie Improvisation, die noch einmal zeigte, wie lebendig dieses historische Instrument ist.

Orgelbauer und Studierende waren sich einig: Die Markert-Orgel von Neidhartshausen verlangt Können, Kraft und Gefühl – und belohnt dies mit einem weichen, charakteristischen Klang, wie er bei vielen Markert-Orgeln in der Rhön geschätzt und bis heute bewahrt wird.

Soli Deo Gloria – SDG. Ein Jubiläum, das nicht nur erinnerte, sondern hörbar machte, warum diese Orgel seit 170 Jahren Menschen bewegt.