Gastbeitrag von Wolfgang Weber
Wie kann Europa einer hybriden Gefahr begegnen? Welche Rolle kommt den Bürgern beim Umgang mit dieser neuartigen Bedrohung zu? „Russlands Krieg gegen Europa: Vom Land- zum Cyberkrieg“ - unter diesem Titel stand ein Abendvortrag in der Gedenkstätte Point Alpha.
„Deutschland steht nicht auf verlorenem Posten, Angst und Panik sind unangebracht“, waren sich die Referenten Johannes Steger und Thilo Geiger einig.
Aber die Menschen müssten sich gedanklich und aktiv auf die Veränderungen im Leben einstellen und sich selbst klar machen, wie sie eigentlich gegen Krisen gewappnet seien.
Das Fazit einer Zuschauerin brachte es auf den Punkt: „Eine der größten Sicherheitslücken sind unsere Köpfe.“
Während die militärische Dimension des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine sichtbar bleibt, richtet sich eine zweite, scheinbar abstraktere Auseinandersetzung gegen Europa selbst: hybride Operationen, Cyberoffensiven, verdeckte Einflussnahme, Desinformation und politische Destabilisierung.
Diese Aktivitäten sind wohl Teil einer langfristigen Strategie, die darauf abzielt, die westlichen Gesellschaften zu spalten und ihre Handlungsspielräume einzuengen. Zugleich sollen demokratische Institutionen geschwächt und gesellschaftlicher Widerstand unterminiert werden.
So sind seit einiger Zeit im Zusammenhang mit Wahlen Desinformations- und Manipulationskampagnen im Informationsraum festzustellen. Hinzukommen sogenannte Hack-and-Leak-Operationen, E-Mails und Dokumente werden gestohlen, teils manipuliert.
Es gibt Angriffsversuche auf Webseiten und Server von Unternehmen oder politisch motivierten Hacktivismus in den sozialen Kanälen.
„Die Täter zu erwischen, ist schwierig. Sie verschleiern oder legen falsche Fährten. Nicht immer führt die Spur in den Osten, aber häufig“, verdeutlichte Thilo Geiger, Oberstleutnant im Generalstabsdienst und Wissenschaftler am Institut für Friedensforschung in Hamburg.
„Im Prinzip werden 82 Millionen Gehirne angegriffen. Die Menschen sollen verunsichert werden, Vertrauen untergraben werden. Deutschland sei Ziel, da es ein elementares Puzzlestück in der Europäischen Union und der NATO ist. Und ist dieses Stück erstmal angeknabbert, verliert das ganze Puzzle an Wert und Funktion.“
Einig waren sich beide Referenten, dass Deutschland sich der Veränderungen bewusst werden muss, und die Leute „einfach mal ihre Komfortzone hinterfragen“.
Was kann ich persönlich in einer Notsituation tun, wie werde ich resilient gegen kognitives Gift, in welcher Informationsblase halte ich mich auf?
„Das Problem sind wir oft selbst“, sagte Geiger: „Zu schnell gibt es Panik oder Frust verknüpft mit der Aussage „hier funktioniert ja gar nichts, unser System ist kaputt.“
„Umso wichtiger ist es, dass wir die Schutzmaßnahmen verstärken und gemeinsam handeln“, unterstreicht der Experte für hybride Kriegsführung mahnt aber eine bessere Aufklärung und intensivere Kommunikation der handelnden Institutionen an.
Auch Johannes Steger, Leiter im Bereich Digital Crisis Management bei der Strategieberatung FGS Global, schilderte einige Szenarien, die er in seinem Buch vom Spannungs- bis zum Ernstfall formuliert hat.
Mit Detailkenntnis schilderte der Autor, was passiert, wenn unser Alltag einer allumfassenden Bedrohung ausgesetzt ist und Infrastruktur, Versorgung, Information und politischer Apparat, Strom- oder Wasserversorgung sabotiert und angegriffen werden, ja gänzlich ausfallen.
„Ein Krieg ist unwahrscheinlich“, beruhigte Steger. Aber andere Extreme seien real und vielfältig. Sie reichten von den Auswirkungen des Klimawandels wie im Ahrtal über komplexe technische Fehler mit Ausfall der Lieferketten bis hin zu geopolitischen Krisen.
Das Thema scheint unter den Nägeln zu brennen, denn rund 130 Gäste hatten den Weg ins Haus auf der Grenze gefunden, um im Anschluss an die Impulsvorträge in der Gesprächsrunde unter Leitung von Point-Alpha-Vorstand Philipp Metzler lebhaft und neugierig mitzudiskutieren.
Auch Fragen nach „Hackbacks“ oder föderalen Zuständigkeiten wurden offen angesprochen. Deutlich wurde dabei: Geschwindigkeit schafft Sicherheit, doch sie darf nicht auf Kosten des Rechtsstaats gehen.
Widerstandsfähigkeit entsteht nicht allein durch Technik oder Militär, sondern durch gesellschaftliche Wachsamkeit, politische Bildung und transparente Kommunikation.
Staatliche Institutionen müssen einordnen und kontinuierlich informieren. Nur so entsteht Akzeptanz für notwendige Maßnahmen.
„Gerade hier an so einem historischen Ort wie der Gedenkstätte Point Alpha wird deutlich, wie wertvoll doch Freiheit, Demokratie und Frieden sind“, betonte Michelle Röder vom Kooperationspartner der Konrad-Adenauer-Stiftung Thüringen und stellte fest, „dass deren Verteidigung stets Wachsamkeit, Entschlossenheit und eine aktive Zivilgesellschaft erfordert.“
Gemeinsam mit Philipp Metzler hatte sie eingangs die Gäste begrüßt, darunter erfreulicherweise ein interessierter Geschichtskurs der Fuldaer Freiherr-vom-Stein-Schule. Gerade die Beiträge der Schüler zeigten, wie sehr das Thema auch die junge Generation bewegt.










