Eine Armee im Dienste der Partei – Vortrag zur Geschichte der NVA auf Point Alpha

Gastbeitrag von Wolfgang Weber

Fast 35 Jahre lang beobachteten sie hochgerüstet den „Klassenfeind“ – auch in der Rhön. Einen umfassenden Einblick in die Geschichte der Nationalen Volksarmee (NVA), gewährte Dr. Klaus Storkmann in der Gedenkstätte Point Alpha.

Deutlich wurde: die ostdeutschen Streitkräfte waren eine „Parteiarmee“, die den Weisungen der SED folgte und – unter Kontrolle des „großen Bruders“ in Moskau – zur Absicherung der Macht diente. Später bei den Turbulenzen der Friedlichen Revolution spielte die Truppe eine überraschende Rolle.

Vorläufer der Nationalen Volksarmee war die Kasernierte Volkspolizei (KVP), die im März 1956 offiziell in die neue NVA, die bereits auf dem Papier existierte, überführt wurde.

Der Referent sprach deshalb auf Point Alpha nicht von einer Gründung, sondern von einer Legalisierung der Armee.

„Das Personal war schon vorhanden, es wurden nur die Uniformen gewechselt“, verdeutlichte der Oberstleutnant vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam (ZMSBw) den zahlreichen Besuchern im Haus auf der Grenze.

War die NVA ebenso wie die ihr unterstellten Grenztruppen zunächst eine reine Freiwilligen-Armee, erfolgte mit der Verabschiedung des Wehrpflichtgesetzes von 1962 die Umwandlung zu einer Gesamtstreitkraft aus Berufsoffizieren, Zeitsoldaten und Wehrpflichtigen.

Die Ausbildung war straff und oft mit Drill verbunden, das System von oben nach unten rigide disziplinarisch. So wurden bei ideologischen Experimenten nach chinesischem Vorbild sogar Offiziere für eine Zeit „degradiert“, damit sie die Härte des Dienstalltags selbst verspürten, um dann später besser führen zu können.

Insgesamt 173.000 Soldaten standen 1988 an der Waffe. 103.500 waren den Landstreitkräften, 35.000 der Luftwaffe, 14.000 der Marine und 39.000 den Grenztruppen zugeordnet.

„Gegenüber der Bundeswehr in der Bundesrepublik war die Personalstärke im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich größer“, erläuterte Storkmann.

Wehrdienstleistende hatten eine permanente Gefechtsbereitschaft, Waffentechnik und militärische Ausrüstung waren meist in sehr gutem Zustand. Hauptaufgabe war der „Schutz der Arbeiter und Bauernmacht“ und damit die Absicherung des sozialistischen Systems vor Angriffen von außen und innen und damit auch der Macht der SED.

Diese Aufgabe zeigte auch bei den NVA-Offizieren: 40.000 Offiziere wachten darüber, dass die Befehlskette funktionierte. Fast 100 Prozent von ihnen waren Mitglied in der SED. Eng waren also die Verflechtungen mit den Organen des Staatsapparates.

Militärs saßen in den Politorganen oder der Parteiorganisationen, Politiker in den Kommandeursbüros des Militärs – den Ton gab die SED an.

Für Verteidigung und innere Sicherheit wendete die DDR im Schnitt jährlich 7,5 bis acht Prozent des Nationaleinkommens auf. Demgegenüber flossen im Schnitt nur 2,5 bis drei Prozent des Bundeshaushaltes in die Bundeswehr.

Im Warschauer Pakt bildeten NVA-Soldaten zusammen mit der Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) die erste strategische Front in der Auseinandersetzung mit der NATO.

In dem Bündnis war die NVA allerdings nur „Juniorpartner“, das Kommando und die Entscheidungsgewalt lag klar bei den Genossen im Kreml.

Erst Mitte der 1980er schöpften die Sowjets mit der Umstellung von Angriffs- auf Verteidigungsplanspielen mehr Vertrauen und gaben der NVA in den Strategieplänen auch für fiktive Kampfhandlungen im Fulda Gap mehr Freilauf und Befugnisse.

Nicht selbstverständlich mit Blick in den Rückspiegel ist die Rolle der NVA in der Schlussphase der DDR, indem sie nicht gewaltsam gegen Demonstranten vorging.

Trotz anfänglicher Alarmbereitschaft verhielt sich die Truppe in den entscheidenden Momenten beispielsweise in Dresden und Leipzig passiv, was einen unblutigen Verlauf ermöglichte.

Dass kein Schuss fiel war auch einem entsprechenden Befehl des Verteidigungsministers und Armeegenerals Heinz Keßler zu verdanken. „Dieses Verhalten ist relevant für das heutige Bild der NVA“, ordnet Storkmann ein.

Am 2. Oktober 1990, einen Tag vor der Wiedervereinigung, wurde die NVA aufgelöst. Die meisten vorhandenen Standorte wurden geschlossen und die Ausrüstung entweder durch die Bundeswehr genutzt, verschrottet oder aber teilweise an andere Staaten verkauft oder verschenkt.

Einen Tag danach übergab Rainer Eppelmann, Minister für Abrüstung und Verteidigung der DDR, seinem Amtskollegen Gerhard Stoltenberg offiziell die Nationale Volksarmee.

Zu Beginn der Veranstaltung hatte Benedikt Stock den Referenten vorgestellt und ins Thema eingeführt. Der Geschäftsführende Vorstand der Point Alpha Stiftung freute sich über die gut gefüllten Reihen im Forum im Haus auf der Grenze.

Nach dem Vortrag beantwortete Dr. Klaus Storkmann die interessierten Fragen der Gäste. Kritisch bewertet wurde dabei die Einordnung und der die geringen Zugeständnisse für NVA-Soldaten beim Übergang in die neuen Strukturen.

„Die Bundeswehr will mit euch nichts zu tun haben, ist als Botschaft mit bitterem Beigeschmack hängen geblieben“, resümierte Storkmann.