Beitrag von Martin Veltum
Erfindergeist aus der Scheune: In der DDR entstand aus Mangel an Technik eine ungewöhnliche Maschine – gebaut mit Schweißgerät, Drehbank und Trabant-Motor.
In der Scheune von Manfred Schuchert in Gerstengrund steht ein Stück Rhöner Technikgeschichte.
Zwischen Werkzeugen, alten Ersatzteilen und Metallkonstruktionen befinden sich zwei außergewöhnliche Fahrzeuge: sogenannte „Benzinkühe“.
Diese selbstgebauten Kleintraktoren erinnern an eine Zeit, in der Maschinen in der DDR knapp waren – und Erfindergeist gefragt war.
Manfred Schuchert ist Konstrukteur und Erbauer dieser Maschinen. Eine seiner Benzinkühe entstand im Jahr 1980 und wurde vollständig in Eigenregie gefertigt – Stück für Stück in der eigenen Werkstatt.
„Wir haben selbst geschweißt, selbst gedreht und in Eigenregie Teile konstruiert und gefertigt“, erzählt Schuchert. „Was man nicht kaufen konnte, musste man eben selbst machen.“
Improvisation aus der Not heraus
In der DDR waren landwirtschaftliche Maschinen für private Betriebe nur schwer erhältlich. Traktoren wurden überwiegend in Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften eingesetzt.
Für viele Bauern, Nebenerwerbslandwirte oder Handwerker blieb daher oft nur eine Möglichkeit: der Eigenbau.
So entstanden in Garagen und Scheunen überall im Land kleine Traktoren – häufig aus dem, was gerade verfügbar war. Besonders gefragt war der Motor des Trabant.
Der luftgekühlte Zweizylinder-Zweitaktmotor galt als robust, vergleichsweise einfach aufgebaut und war in der DDR weit verbreitet. Mit rund 26 PS bot er ausreichend Leistung für kleinere landwirtschaftliche Arbeiten.
Betrieben wurde er mit einem Öl-Benzin-Gemisch im Verhältnis 1:50, bei älteren Motoren 1:33 – typisch für die Zweitakttechnik jener Zeit.
Ein Rhöner Arbeitstier
Auch die Benzinkuh von Manfred Schuchert wird von einem solchen Motor angetrieben. Der selbst konstruierte Traktor wurde gezielt für den praktischen Einsatz rund um Gerstengrund gebaut.
Die Maschine verfügt über einen 2-Zylinder-Zweitakt-Trabantmotor, eine funktionale Hydraulikanlage, ein stabil konstruiertes Schneeschild für den Winterdienst sowie verschiedene Anbauvorrichtungen für landwirtschaftliche Geräte.
Viele Bauteile entstanden direkt in der Werkstatt: Rahmen und Halterungen wurden geschweißt, Wellen gedreht und Konstruktionen immer wieder angepasst, bis alles zuverlässig funktionierte.
So entstand aus improvisierten Mitteln ein vielseitiges Arbeitsgerät – ein Traktor, der im Sommer auf dem Hof unterstützte und im Winter Schnee räumte.
Eine der Maschinen wurde zusätzlich mit einer Untersetzung ausgestattet. Durch dieses Zwischengetriebe konnte ein Allradantrieb realisiert werden, sodass alle vier Räder gleichzeitig angetrieben werden können.
Immer seltener zu finden
Früher gehörten solche Eigenbau-Traktoren in vielen ländlichen Regionen zum vertrauten Bild. Jede Maschine war ein Unikat – geprägt von den Ideen und Fähigkeiten ihres Erbauers.
Heute sind diese Benzinkühe selten geworden. Viele wurden verschrottet oder durch moderne Technik ersetzt. Auch in der Thüringer Rhön sind sie nur noch vereinzelt zu finden.
Dass in der Scheune von Manfred Schuchert noch zwei dieser Maschinen erhalten sind, macht sie zu besonderen Zeitzeugen.
Sie erzählen von einer Zeit, in der Improvisation zum Alltag gehörte – und in der aus handwerklichem Können, technischem Verständnis und einem Trabant-Motor robuste Arbeitsmaschinen entstanden.
Die Benzinkuh aus Gerstengrund ist damit weit mehr als nur ein selbstgebauter Traktor: Sie ist ein rollendes Stück Rhöner Geschichte.
Technik, die Verständnis verlangt
Der Umgang mit solchen Maschinen erfordert bis heute technisches Verständnis. Sollte ein Defekt auftreten, sind Ersatzteile kaum noch verfügbar.
Damit befindet man sich schnell wieder in einer Situation wie zu DDR-Zeiten: Improvisation ist gefragt, ein Plan B ebenso – und oft hilft das Netzwerk aus Menschen, „die jemanden kennen, der eine Drehbank hat.“
Die Benzinkühe gehen inzwischen in die dritte Generation über. Der Wunsch von Manfred Schuchert ist es, dass sie noch lange erhalten bleiben, weiter gepflegt werden und ihren Dienst verrichten.
Leidenschaft für die Imkerei
Neben seiner technischen Leidenschaft ist Manfred Schuchert auch mit Herz und Seele Imker. Seinen Honig kann man unter anderem im Café Kohlbachtal in Zitters erwerben. In guten Jahren sind Erträge von bis zu 450 Litern möglich.
Besonders bemerkenswert: Der Honig ist vollständig rapsfrei, da in der Region kein Raps angebaut wird. In Gerstengrund gehört er für viele Haushalte fest auf den Frühstückstisch – zahlreiche Kunden bestellen bereits im Voraus für das kommende Jahr.
„Die Bienen sind wahre Künstler und verdienen größten Respekt“, betont Schuchert. „Denken wir nur an ihre Bedeutung für die Bestäubung in der Blütezeit.“
Die Tiere legen dabei Flugstrecken von bis zu vier Kilometern zurück, um ihre Arbeit zu verrichten. Auch die nächste Generation zeigt bereits Interesse: Enkel Liam Schuchert begeistert sich ebenfalls für die Imkerei – sehr zur Freude seines Großvaters.
Die Geschichte und das Lebenswerk von Manfred Schuchert zeigen eindrucksvoll, wie aus Können, Leidenschaft und Einfallsreichtum bleibende Werte entstehen – für die Region, für kommende Generationen und als lebendiges Zeugnis gelebter Rhöner Tradition.
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