Wenn alles verloren scheint – Karfreitag im Fuldaer Dom

Mitteilung des Bistums Fulda

Verlust und Krisen prägen zunehmend unsere Zeit, im persönlichen Leben ebenso wie in Gesellschaft und Politik. Bischof Dr. Michael Gerber deutet die Passion Jesu am Karfreitag im Fuldaer Dom vor diesem Hintergrund als entscheidenden Wendepunkt.

Gerade dort, wo scheinbar alles zerbricht und der Boden unter den Füßen weggezogen wird, handle Gott und eröffne einen neuen Anfang.

Ausgangspunkt seiner Predigt am Karfreitag im Fuldaer Dom ist für Bischof Dr. Michael Gerber die Beobachtung wachsender Verlusterfahrungen. Der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt dies als „Verlusteskalation“.

Gewissheiten brechen weg, Sicherheiten schwinden, gesellschaftliche Spannungen nehmen zu. Über lange Zeit habe sich die moderne Gesellschaft bemüht, Verlusterfahrungen möglichst zu vermeiden, etwa durch sozialen und medizinischen Fortschritt.

„Aktuell geht gleichzeitig Verschiedenes zu Bruch, was über Jahrzehnte für uns selbstverständlich war“, sagt Gerber und nennt exemplarisch den Frieden in Europa, die Stabilität von Bündnissen und die Einheit der Europäischen Union.

Zugleich nehme Terror und Gewalt zu, und die Polarisierung in der Gesellschaft verstärke sich.

Verlust und Verunsicherung

Damit rücke eine Erfahrung in den Mittelpunkt, die viele Menschen existenziell verunsichere. „Es gibt heute wohl kaum mehr jemanden, der auf die nächste Generation schaut und sagt: Mein Kind wird es einmal besser haben als ich“, beschreibt Gerber die veränderte Stimmung.

Solche Verlusterfahrungen prägen nicht nur die Gegenwart. Schon die frühen Christen litten unter Verfolgung, Vertreibung und dem Verlust von Heimat und Angehörigen. Dennoch seien sie anders mit diesen Erfahrungen umgegangen.

„Was ist der Grund dafür, dass ihr trotz eurer vielfältigen Verlusterfahrungen so anders in dieser Welt unterwegs seid?“, formuliert Gerber die Frage, die sich schon den ersten Christen gestellt hat, und die bis heute aktuell ist.

Die Passion als Wendepunkt

Die Antwort darauf sieht der Bischof im Evangelium des Karfreitags selbst. Die Passion Jesu sei eine „eklatante und multiple Verlusterfahrung“: Verrat, Gewalt, das Zerbrechen von Beziehungen, der Verlust von Sicherheit und Selbstgewissheit.

Und doch liege genau darin der entscheidende Wendepunkt. „Genau dort, wo scheinbar allen der Boden unter den Füßen weggezogen wird, legt Gott einen neuen Grund“, deutet Gerber das Geschehen von Golgotha.

Am Kreuz beginne, was das Christentum bis heute präge. Beziehung entstehe neu, Gemeinschaft werde gestiftet, und im Moment des Todes werde der Geist geschenkt. Die Verbindung zwischen Maria und dem Lieblingsjünger Johannes stehe exemplarisch für diesen Anfang.

Keim neuen Lebens

Aus dieser Urerfahrung der Christinnen und Christen heraus erschließe sich ein anderer Umgang mit existenziellen Erfahrungen.

„Die Gegenwart des Gekreuzigten im Verlust schenkt uns die Erfahrung, dass der Verlust nicht das Ende ist, sondern dass uns gerade hier der Keim zu neuem Wachstum geschenkt wird“, sagt Gerber.

Das sei keine abstrakte religiöse Vorstellung, sondern eine Wirklichkeit, aus der Christen seit Jahrhunderten Kraft schöpften. „Das ist nicht einfach nur eine fromme Idee, sondern Realität“, betont der Bischof.

Gerber verwies in diesem Zusammenhang auch auf eigene Erfahrungen aus seiner Erkrankung im vergangenen Jahr. Dabei habe er neu erfahren, welche Kraft im Glauben an den Gekreuzigten und Auferstandenen liege.

Kultur der Menschlichkeit

Aus dieser Perspektive ergibt sich für Gerber auch ein Auftrag für die Gegenwart. Christlicher Glaube erschöpfe sich nicht im eigenen Erleben, sondern öffne den Blick für andere. Gerade in Zeiten von Krise und Verlust gehe es darum, eine „Kultur der Menschlichkeit“ zu gestalten.

Am Ende der Liturgie lud Gerber die Mitfeiernden dazu ein, mit den eigenen Erfahrungen von Verlust vor das Kreuz zu treten. Dort entscheide sich, was trägt. „An ihm, an seinem Kreuz finden wir Halt. Sein Geist gibt uns die entscheidende Kraft.“

Die Liturgie am Karfreitag im Fuldaer Dom wurde musikalisch gestaltet vom Domchor unter der Leitung von Domkapellmeister Franz-Peter Huber.

Weitere Gottesdienste im Fuldaer Dom:

Ostersonntag, 5. April, 5 Uhr – Osternacht
Ostersonntag, 5. April, 10 Uhr – Pontifikalamt
Ostermontag, 6. April, 10 Uhr – Pontifikalamt