Gastbeitrag von Wolfgang Weber
Andersdenkende verstehen es als ihre Bürgerpflicht, Unrecht anzuprangern und die Wahrheit zu sagen. Und sie zahlen einen hohen Preis dafür. Wie trugen Dissidenten, Menschenrechtsbewegungen und ziviler Protest zum Zerfall der Sowjetunion vor 35 Jahren bei?
„Für eure und unsere Freiheit!“ unter dieser Überschrift stand ein fesselnder Vortrag im Haus auf der Grenze von Point Alpha. Susanne Schattenberg, Professorin für Zeitgeschichte und Kultur Osteuropas an der Universität Bremen, richtete dabei den Blick spezifisch auf Dissidenteninnen der späten Sowjetunion und ihre Strategien des Widerstands.
Zum Untergang der Sowjetunion Ende 1991 hat die Dissidentenszene kaum etwas beigetragen können, wurde sie doch vom Geheimdienst KGB bis Mitte der 1980er Jahre fast vollständig zerschlagen.
Als ausschlaggebend bewertet Schattenberg die Reformen rund um Glasnost und Perestroika, die nicht von unten erzwungen, sondern von oben unter Michail Gorbatschow eingeleitet wurden.
„Eine Zusammenarbeit hat es nie gegeben, umstritten ist allerdings bis heute inwieweit die Abweichler den Denkprozess Gorbatschows angestoßen haben.“
Die Oppositionellen sahen sich selbst nicht als Dissidenten, sondern als Andersdenkende oder Unterzeichner von Petitionen und Schriften. Ziel war nicht die Zersetzung des Staates, im Gegenteil: der Staat sollte reformiert, die Verfassung und das Gesetz sollten auf Rechtsstaatlichkeit fußen, das mit größeren demokratischen Strukturen, aber ohne Unterdrückung, Lügen, Verbrechen und Willkür.
Solženicyn, Kopelew, die Medwedew-Brüder oder Brodsky - den Ruhm der Protestler heimsten nur die Männer ein, obwohl 50 Prozent der Bewegung aus Frauen bestand. Natalja Gorbanewskaja war eine von ihnen.
„Eine Dichterin so groß wie Joseph Brodsky und eine Menschenrechtsaktivistin so bedeutend und unerschrocken wie Andrej Sacharow. Dennoch hat sie weder den Literatur- noch den Friedensnobelpreis erhalten und ist zumindest in der westlichen Welt weitestgehend unbekannt.“, sagte die 56-Jährige.
Wie so manch andere Poetinnen, Schriftstellerinnen oder Publizistinnen wurde sie als die selbstlose, stille und leise Frau im Widerstand gar nicht wahrgenommen. Dabei war sie unglaublich aktiv, formulierte Missstände in Artikeln, ihre Empfindungen und ihre Gedanken in Gedichten. 1000 davon hat sie bis zu ihrem plötzlichen Tod im Pariser Exil 2013 verfasst.
Trotz eines Lebens voller Entbehrungen, war ihre Sehnsucht nach geistiger Freiheit, Aufklärung, Gerechtigkeit und Menschrechten nicht zu bremsen. Maßgeblich zeichnete sie sich für zwei zentrale Entwicklungen beziehungsweise Ereignisse in der Dissidentenszene verantwortlich:
1968 gründete sie nahezu im Alleingang die Untergrund-Zeitung „Chronik der laufenden Ereignisse“, die über politische Prozesse und Gefangene in der UdSSR berichtete. Im Samisdat (russisch für „Selbstverlag“) entstanden im geheimen System zensierte Literatur, politische Texte und künstlerische Werke in der Sowjetunion und anderen Ostblockstaaten.
Die Schriften wurden meist per Schreibmaschine mit Kohlepapier kopiert, im Schneeballsystem weitergegeben und umgingen so die staatliche Zensur. Es war ein zentrales Instrument kulturellen und politischen Widerstands dem allerdings heftige staatliche Repressionsmechanismen gegenüberstanden.
Verbunden ist mit ihrem Namen zum anderen mit einem einmaligen Ereignis: Am 25. August 1968 kommt sie mit sieben weiteren jungen Menschen auf den Roten Platz in Moskau, um offen gegen das Regime zu demonstrieren – und gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch Panzer des Warschauer Paktes. Auf ihrem ikonischen Plakat steht in kyrillischen Buchstaben „Für eure und unsere Freiheit“.
Nie zuvor und nie wieder danach trauten sich Andersdenkende in der UdSSR, in der Öffentlichkeit mit Transparenten ihren Protest kundzutun. Danach wurde sie nicht wie die anderen zu Gefängnis, Lagerhaft oder Verbannung verurteilt, sondern von einem Gericht für verrückt erklärt.
Sie landete in einem psychiatrischen Gefängnis, wo man sie neun Monate lang zwangsweise mit Psychopharmaka behandelte. Ein Schicksal, das exemplarisch für viele andere steht.
Auch im heutigen Russland unter Putin sehen sich Oppositionelle im Protest gegen die Zustände im Land oder den imperialistischen Krieg gegen die Ukraine knallharten Repressionen ausgesetzt, schlimmer noch als jemals zuvor, erzählt die Osteuropa-Expertin dem Publikum auf Point Alpha.
Daher stellt sich die Frage, ob man die heutige Protestgeneration nicht in eine historische Kontinuität mit der Dissidentenbewegung stellen kann und ob Strategien und Erfahrungen aus der späten Sowjetunion für die heutige Aufrechten fruchtbar sein könnten. Mut und Zuversicht können die verblieben Aufrechten zum Beispiel in der Menschrechtsorganisation Memorial aus den Zeilen Gorbanewskajas ziehen:
Das Slawentum mir Heimat schafft, // Das Parisertum – die Staatsbürgerschaft,
Ich bin genau wie eine Schweizer Uhr, // Doch für Belehrungen taub ist mein Ohr.
Mein Wille ist ein Wintersturm auf offenem Feld… // Meine Seele kennt keinen Eskapismus,
Meine Jahreszeit ist, wenn Regen fällt, // Meine Epoche ist das Ende des Kommunismus.







