Gastbeitrag von Sandra Jakob
Als im Jahr 2021 mit Andreas Reize erstmals ein Katholik die Leitung des traditionsreichen Thomanerchors Leipzig übernahm, galt dies vielerorts als bemerkenswertes ökumenisches Signal.
Für Thomas Nüdling aus Tann ist ein solches Miteinander jedoch seit einem Vierteljahrhundert gelebter Alltag: Seit genau 25 Jahren verantwortet der katholische Kirchenmusiker nebenamtlich die evangelische Kirchenmusik vor Ort.
Der Beginn seiner Tätigkeit im Jahr 2001 war dabei alles andere als geplant. Als Chorsänger erlebte Nüdling eine Probe, die sein Leben verändern sollte.
Der damalige Leiter ließ ohne Vorankündigung einen Nachfolger wählen: Vier Kandidaten standen zur Auswahl, das Votum fiel einstimmig auf Nüdling.
„Ich ging als Chorsänger in die Probe und kam als Chorleiter wieder raus“, erinnert er sich. Eine spontane Entscheidung, die sich als Glücksfall für die Kirchenmusik in Tann erweisen sollte.
Zu dieser Zeit studierte Nüdling noch an den Hochschulen in Detmold und Paderborn. Dennoch gelang ihm der Spagat zwischen Studium und kirchenmusikalischer Praxis – nicht zuletzt dank der Unterstützung vieler Engagierter vor Ort.
Sängerinnen und Sänger, Pfarrer und Organisatoren trugen gemeinsam dazu bei, dass die Kirchenmusik weiter wachsen konnte.
Nach seiner Ausbildung und seinem Studium – unter anderem in Schul- und Kirchenmusik, Musikwissenschaft und Theologie – entschied sich Nüdling für den Schuldienst. Heute arbeitet er als Oberstudienrat an der Wigbertschule in Hünfeld.
Seine ungewöhnliche Kombination beschreibt er selbst augenzwinkernd: „Damit bin ich wohl einzigartig: katholischer Religionslehrer und evangelischer Kantor.“
Zugleich spiegelt diese Doppelrolle die konfessionelle Prägung der Region wider, in der Ökumene selbstverständlich gelebt wird.
Nicht immer verlief dieser Weg ohne Hindernisse.
Während die Zusammenarbeit vor Ort als konstruktiv und vertrauensvoll beschrieben wird, sieht Nüdling Schwierigkeiten eher auf übergeordneter Ebene. Deutlich formuliert er seine Kritik an mangelnder Transparenz innerhalb kirchlicher Strukturen zugunsten von Machtinteressen.
Ungeachtet dessen hat Nüdling die kirchenmusikalische Arbeit in Tann nachhaltig geprägt und weiterentwickelt. Der Kirchenchor zählt heute über 60 Sängerinnen und Sänger beider Konfessionen.
Das Repertoire reicht von a cappella-Werken bis hin zu großen Aufführungen mit Orchester. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf dem Schaffen von Johann Michael Bach, dem sogenannten „Tanner Bach“, der im 18. Jahrhundert in der Stadt wirkte.
Darüber hinaus hat sich Nüdling auch als Komponist einen Namen gemacht. Seine Werke entstehen bewusst aus der Praxis für die Praxis – zugeschnitten auf die Möglichkeiten von Laienchören und Gemeinden.
Zahlreiche Kompositionen wurden von Verlagen aufgenommen und finden überregional Beachtung; Anfragen und Rückmeldungen erreichen ihn aus dem gesamten deutschsprachigen Raum.
Innovative Projekte ergänzen die klassische Chorarbeit: Offene Projektchöre, Männerchorformate, Familienangebote und Mitsingaktionen schaffen immer wieder neue Zugänge zur Kirchenmusik.
Damit ist Tann zu einem beispielhaften Standort für lebendige Kirchenmusik im ländlichen Raum geworden.
Auch größere Konzertformate tragen diese Handschrift. Über viele Jahre hinweg wurde der „Tanner Musiksommer“ weiterentwickelt, bevor daraus neue Projekte wie „Bach 2020“ oder die „Adventsmusik bei Kerzenschein“ hervorgingen. Sie zeigen, wie flexibel und kreativ kirchenmusikalische Arbeit auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren kann.
Ein sichtbares Zeichen der Anerkennung erhielt Nüdling im Jahr 2015 mit seiner Ernennung zum Kantor. 2017 wurde er zudem mit dem Bürgerschaftspreis der Fuldaer Zeitung ausgezeichnet.
Doch wichtiger als Titel und Preise bleibt für ihn die Verbindung von Beruf und Berufung: „Das eine geht ohne das andere nicht.“





