Gastbeitrag von Kerstin Schuch
Zwischen Himmel und Erde lag am Abend des Pfingstsonntags vor allem eines: Musik. Und sie erfüllte die Stadtkirche Tann nicht nur akustisch, sondern geradezu atmosphärisch.
Der Kirchenchor Tann (Leitung: Thomas Nüdling), das Rathgeberensemble Fulda (Leitung: Ulrich Moormann) und mehrere Solisten ließen unter dem Konzerttitel „Himmel und Erde“ ein Programm erklingen, das geistliche Tiefe, konzertante Lebendigkeit und musikalische Vielfalt eindrucksvoll miteinander verband.
Schon die festliche Eröffnung mit „Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erde“ setzte den Ton des Abends: festlich, klangvoll und von großer musikalischer Präsenz getragen.
Im Zentrum des ersten Konzertteils stand Johann Sebastian Bachs Kantate „Lobe den Herren“ BWV 137. Hier zeigte sich der Kirchenchor in bemerkenswerter Form: agil, klanglich präsent und mit großer Prägnanz geführt.
Eindrucksvoll gelang die Bewältigung der anspruchsvollen Polyphonie, die sich eng in das fein gearbeitete Orchestergeflecht einfügte und von intensiver, sorgfältiger Probenarbeit zeugte. Die Solisten bereicherten das Werk mit hörbarer Ausdruckskraft.
Klara Golbach (Alt) gestaltete ihre Arie gemeinsam mit der Violine von Alwine Friedenstab mit großer Leichtigkeit und einer fast schwebenden Klangqualität, die die musikalische Textausdeutung eindrucksvoll unterstrich.
Anna Ziert (Sopran) und Kilian Gottwald (Bass) überzeugten im Moll-Duett durch klangliche Geschlossenheit und sensible Gestaltung, während Constantin von Hertwig (Tenor) seine Arie mit Linienführung sang.
Verlässlich getragen wurden sämtliche Arien von Julia Kim (Cello) und Ulrich Moormann (Orgel) als fein abgestimmter Continuogruppe.
Eine besondere Bereicherung des Programms war das Klavierkonzert in F-Dur von Johann Michael Bach. Das Werk, das vermutlich erstmals in Tann – der ehemaligen Wirkungsstätte Bachs – erklang, überzeugte durch sein elegantes Wechselspiel zwischen solistischem Glanz (Orgel: Thomas Nüdling) und kammermusikalischer Feinzeichnung.
Besonders im „Adagio ma non troppo“ entstand unter der Leitung von Ulrich Moormann ein beinahe kontemplativer Klangraum, der sich hervorragend in die Atmosphäre der Stadtkirche einfügte.
Mozarts „Laudamus te“ brachte lichte Virtuosität in das Programm; die Sopranstimme von Anna Ziert führte die melodischen Linien mit großer Beweglichkeit und natürlicher Musikalität.
Mit Beethovens „Die Himmel rühmen“ zeigte der Chor anschließend eindrucksvoll seine Fähigkeit zur differenzierten Klanggestaltung. Trotz dichter Satzweise blieb der Chorklang tragfähig und variantenreich.
Zu den besonders berührenden Momenten des Abends gehörte John Rutters „For the beauty of the earth“. Hier entfaltete der Chor einen warmen, nuancenreichen Klang, der die warme Harmonik und sensible Textgestaltung des Werkes in seiner farbenreichen Instrumentation eindrucksvoll zur Geltung brachte.
Unbestrittener Höhepunkt des Konzertabends war jedoch die Uraufführung der „Missa in B“ von Thomas Nüdling. Die Messe offenbarte eine klare kompositorische Handschrift: deutliche Formen, kantable Linien und eine neoromantisch geprägte Harmonik verliehen dem Werk Eigenständigkeit und Ausdruckskraft.
Während „Kyrie“ und „Agnus Dei“ durch Wärme und expressive Tiefe beeindruckten, entfalteten „Gloria“ und „Halleluja“ mitreißende Energie. Das „Sanctus“ wiederum eröffnete sphärische Klangräume von besonderer Dichte.
Dabei wirkte die Messe nie effekthascherisch, sondern stets aus dem Geist liturgischer Musik heraus gedacht – gerade darin lag ihre besondere Stärke.
Der Kirchenchor Tann bewältigte diese anspruchsvolle Partitur mit großer Konzentration, musikalischer Präzision und hörbarer Hingabe. Beeindruckend war die sichtbare Identifikation aller Mitwirkenden mit dem Werk.
Chor, Solisten und Orchester bildeten eine geschlossene musikalische Einheit. Thomas Nüdling überzeugte als Dirigent seiner Messe durch klare Zeichengebung, ein sicheres Gespür für Spannungsbögen und musikalische Präsenz.
Einen theologischen Impuls setzte Prof. Dr. Christoph Gregor Müller. Ausgehend von den Konzertplakaten mit dem weiten Landschaftsbild der Rhön deutete er das Konzertmotto „Himmel und Erde“ als Bild menschlicher Existenz zwischen Bodenständigkeit und Offenheit nach oben.
Der Mensch stehe – auch körperlich im Singen – ausgespannt zwischen Himmel und Erde. Mit einem Zitat des Theologen Hans Weder verwies Müller darauf, dass sich der „Überschuss“ der Schöpfung in Musik, Natur und Glauben widerspiegele und Menschen seit jeher zum Singen bringe.
Gerade im gemeinsamen Singen und Beten, so der Gedanke des Pfingstfestes, berührten sich Himmel und Erde auf besondere Weise – im Menschen selbst, seiner Würde und seiner Offenheit für Gottes Geist.
Gemeinsam mit Pfarrer Klaus-Dieter Inerle spendete Müller am Ende des Konzertes den Segen. Inerle verwies bereits in seiner Begrüßung darauf, dass Thomas Nüdling seit 25 Jahren den Kirchenchor erfolgreich leite, und bedankte sich für dessen unermüdliches Engagement.
Langanhaltender Applaus dankte schließlich allen Beteiligten für einen Konzertabend, der musikalischen Anspruch, spirituelle Tiefe und menschliche Wärme auf eindrucksvolle Weise miteinander verband.
Mit der Zugabe „Vater, unser Vater“ klang ein Abend aus, der auf der Kirchentreppe mit einer Sektempfang bei herrlichstem Sommerwetter noch nachwirkte.
















