Gastbeitrag von Peter Carla Baruschke
Stillstand – unter diesem Titel stellen sechs Auszubildende der Schnitzschule Empfertshausen Skulpturen im historischen Gewölbekeller des Biosphären-Infozentrums der Propstei Zella aus.
Die aktuell von fünf weiblichen und einem männlichen Holzbildhauer des zweiten Lehrjahres geschaffenen Kunstwerke laden zum Innehalten und Nachdenken ein und machen die Aktualität des traditionellen Handwerks sichtbar.
Entstanden sind die Kunstwerke als Ausbildungsprojekt, das die jungen Schülerinnen und Schüler schon vom Anfang der Ausbildung an begleitete.
Das Ergebnis überzeugt: „Ich bin stolz auf meine Schülerinnen und Schüler“, lobte Steffen Kranz als Lehrer der Schnitzschule Empfertshausen anlässlich der Vernissage am vergangenen Freitag das Ergebnis des rund anderthalbjährigen gemeinsamen Weges von der Idee zur fertigen Skulptur.
Spannend ist dabei vor allem die Bandbreite der gezeigten Arbeiten, denn das Thema Stillstand wird nicht nur persönlich interpretiert - etwa von Tine Raschke in ihrer Arbeit, die aus einem Gefühl des Verliebseins entstand -, sondern auch gesellschaftlich bis hin zu politischen Anklängen, so zum Beispiel in „Kipppunkt“ von Ida Spindler.
Die Vernissage bot den gut 50 interessierten Gästen Gelegenheit, mit den Künstlerinnen und Künstlern ins Gespräch zu kommen und sich darüber hinaus über die Ausbildung zum Holzbildhauer zu informieren – dazu gibt es auch einige Schautafeln mit Anschauungsmaterial aus dem schulischen Alltag.
Für die musikalische Untermalung der Veranstaltung war Stefan Kiss, ein der Schule Empfertshausen verbundener Student der Zeichenakademie in Hanau eigens mit seiner Geige zur Vernissage angereist.
Die staatliche Schnitzschule Empfertshausen ist eine von zehn Einrichtungen, die dieses traditionelle Handwerk bis heute in Deutschland ausbildet.
Als Bundesfachklasse bietet Empfertshausen als einzige Einrichtung auch eine duale Ausbildung an – Partnerbetrieb ist das in der Nähe Berlins beheimatete mittelständischen Unternehmen SIK-Holz, das die aktuelle Ausstellung gleichzeitig als Sponsor unterstützt hat und der Schule auch sonst partnerschaftlich verbunden ist.
SIK-Holz ist deutschlandweit derzeit das einzige Unternehmen, das die duale Ausbildung zum Holzbildhauer überhaupt noch praktiziert.
Unter den ausstellenden Auszubildenden haben Finnja Albrecht, Melina Laurisch und Theo Prager diesen Weg gewählt, sie pendeln deshalb zwischen praktischer Ausbildung bei Berlin und der Schule in Empfertshausen regelmäßig hin und her.
Dass auch Julia Abheiden als Ausbilderin bei SIK-Holz und Steffen Kranz als Lehrer in Empfertshausen selbst Skulpturen zur Ausstellung beisteuern zeigt, wie intensiv und menschlich nah sich Schüler und Lehrkräfte in der Ausbildung kommen.
„Die Schule ist zunächst ein geschützter Ort“, so beschreibt Steffen Kranz die besondere Atmosphäre in den kleinen Klassen der Schule, „um so wichtiger ist es, dass wir mit Projekten wie „Stillstand“ die Schule auch verlassen und zum Beispiel in einer Ausstellung den Kontakt zur Wirklichkeit herstellen.“
Doch die Schülerinnen und Schüler leben in der Schnitzschule sowieso keineswegs im Elfenbeinturm: Auf zahlreichen Handwerks- und Weihnachtsmärkten sind sie regelmäßig präsent, um in Gesprächen und Angeboten wie Kinderschnitzen auf die Ausbildung in Empfertshausen aufmerksam zu machen.
Zudem gib es eine Schülerfirma, in der ein eigenverantwortlicher Umgang mit kleineren Aufträgen von außen geprobt werden kann.
Die einzigartige Kombination zwischen handwerklicher und künstlerischer Ausbildung ist über die Rhön hinaus wenig bekannt und viele Interessenten sind überrascht und erfreut, dass es eine solche Ausbildung überhaupt noch gibt.
„Holz ist ein lebendiges Material und trägt eine Geschichte in sich“, stellte Andrea Wiegand für das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön und somit in der Rolle der Veranstalterin der Ausstellung die Verbindung zwischen Holzbildhauer-Ausbildung und dem Veranstaltungsort her.
Der nachhaltige und verantwortungsvolle Umgang mit der Natur passe gut zu den Zielen des Biosphärenreservats mit seinen regionalen, ökologischen und sozialen Schwerpunkten, auch das Thema „Stillstand“ ließe sich entsprechend interpretieren „als Moment des Innehaltens, um eine neue Perspektive zu gewinnen“.
Die Ausstellung ist bis zum 16. August 2026 zu den regulären Öffnungszeiten des Infozentrums in Zella/Rhön zu besichtigen.








