Gastbeitrag von Siegfried Hartmann
Mit dem Buch „Grenzland Vorderrhön, Ulster- und Werraland – Wandern im Gestern und Heute“ erscheint ein politisch-historischer Wanderführer, der Geschichte nicht nur erzählt, sondern erlebbar macht.
Das Werk knüpft inhaltlich und geografisch an das erfolgreiche erste Buch „Grenzland Rhön – Wandern im Gestern und Heute“ der Autoren Hans-Dieter Bieniek, Gerhard Schätzlein und Karin Kampf an.
Dieses neue Buch führt seine Leserinnen und Leser auf zwölf Rundwanderungen entlang ehemaliger Grenzabschnitte von neun DDR-Grenzkompanien – von Geisa bis nach Gerstungen/Lauchröden.
Dabei geht es nicht nur um Wege, Landschaften und Aussichtspunkte, sondern auch um Schicksale, Mut, Angst, Überwachung und die manchmal unglaublichen Geschichten, die sich direkt vor unserer Haustür abgespielt haben.
Zu Beginn wird das DDR-Grenzsystem erklärt: Aufbau, Rekrutierung und Ausbildung der Grenzsoldaten werden anhand persönlicher Dokumente anschaulich dargestellt.
Besonders eindrucksvoll ist dabei die Perspektive eines ehemaligen DDR-Grenzsoldaten. Er beschreibt das Leben in einer Grenzkompanie nicht aus der Ferne, sondern aus eigener Erfahrung: Dienstalltag, Befehle, Kameradschaft, Unsicherheit – und auch jene kleinen Episoden, die heute fast skurril wirken.
Denn neben aller historischen Ernsthaftigkeit blitzt immer wieder der Alltag durch: Grenzer, die bei Wind und Wetter stundenlang im Gelände standen, improvisierte Lösungen in der Kompanie, kleine Missgeschicke im Dienstbetrieb oder Begegnungen, bei denen sich die große Weltpolitik plötzlich ganz menschlich und manchmal sogar unfreiwillig komisch zeigte.
Ein besonderer Schwerpunkt des Buches liegt auf den Fluchtgeschichten aus dem DDR-Grenzgebiet. Auf Grundlage umfangreicher eigener Recherchen in MfS-Unterlagen, durch Gespräche mit Zeitzeugen und ehemaligen Flüchtlingen werden spannende, meist bisher unveröffentlichte Fluchten geschildert.
Jede Rundwanderung enthält ein oder zwei solcher Grenzgeschichten – bewegend, dramatisch und oft kaum zu glauben.
Dabei wird auch das „Wirken“ des Ministeriums für Staatssicherheit im Grenzgebiet beleuchtet. Das Buch zeigt, wie das MfS in den Grenzkompanien, in den Dörfern und sogar im kirchlichen Umfeld versuchte, Einfluss zu nehmen.
Auch die Unterwanderung der Kirchen durch inoffizielle Mitarbeiter wird thematisiert. So entsteht ein tiefes Bild davon, wie eng Überwachung, Grenztruppen, Volkspolizei und Staatssicherheit im Grenzraum miteinander verflochten waren.
Besonders wertvoll ist die Ausstattung des Buches mit bisher unveröffentlichten Fotos eines ehemaligen bayerischen Zollbeamten. Seine Aufnahmen zeigen DDR-Grenzsoldaten, Grenzoffiziere, Grenzaufklärer und hauptamtliche MfS-Angehörige aus nächster Nähe. Diese Bilder machen das Buch zu einem eindrucksvollen Zeitdokument.
Doch das Buch bleibt nicht im Dunkel der Geschichte stehen. Immer wieder richtet es den Blick auch auf die Schönheit der Natur am Grünen Band.
Wo einst Sperrzäune, Signaldrähte, Kolonnenwege und Wachtürme standen, haben sich heute besondere Lebensräume entwickelt.
Die Wanderungen führen durch eindrucksvolle Landschaften, stille Täler, aussichtsreiche Höhen und geschichtsträchtige Orte.
So ist „Grenzland Vorderrhön, Ulster- und Werraland – Wandern im Gestern und Heute“ weit mehr als ein klassischer Wanderführer. Es ist ein spannendes Lesebuch, ein historisches Nachschlagewerk, ein Zeitzeugenbericht und ein Beitrag zur Erinnerungskultur.
Das Buch lädt dazu ein, sich auf den Weg zu machen – mit offenen Augen für die Landschaft und mit wachem Bewusstsein für die Geschichte.
Denn wer heute am Grünen Band wandert, geht nicht nur durch die Natur, sondern auch durch ein Kapitel deutscher Vergangenheit.






