Gastbeitrag von Siegfried Hartmann
Untermaßfeld ist vielen als Schloss und ehemalige Wasserburg bekannt. Doch hinter den alten Mauern verbirgt sich ein Kapitel deutscher Strafrechtsgeschichte, das weit über die Region hinaus Bedeutung hatte.
Ausgerechnet hier, in einem alten Schloss an der Werra, begann im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein Weg, der den modernen Strafvollzug in Deutschland entscheidend mitprägte.
Bis 1813 mussten Gefangene aus Sachsen-Meiningen noch in Coburg untergebracht werden. Dort herrschten harte Zustände: schlechte Behandlung, Züchtigungen, wenig Essen und hohe Kosten für das Herzogtum.
Der sozial eingestellte Herzog von Meiningen suchte deshalb nach einer eigenen Lösung. Die Wahl fiel auf Schloss Untermaßfeld – sehr zum Unmut mancher Bürger. Doch mit herzoglicher Unterstützung wurde die alte Wasserburg zur Arbeits- und Zuchthausanstalt umgebaut.
Am 17. Juli 1813 wurde die Anstalt eröffnet. Die ersten zwölf Gefangenen kamen aus Coburg. Zunächst waren die Verhältnisse noch einfach: ein Inspektor, ein Unteraufseher, ein Zuchtknecht, ein Kassenverwalter und ein Arzt im Nebenamt betreuten die Gefangenen. Doch bald sollte Untermaßfeld zu einem Ort werden, an dem neue Ideen erprobt wurden.
Ein Wendepunkt kam 1831 mit Oberst Speßhardt, dem ersten Direktor der Anstalt. Sein Leitgedanke lautete: Ordnung, Reinlichkeit, Bekleidung, Ökonomie und Beschäftigung.
Was heute selbstverständlich klingt, war damals revolutionär. Die Gefangenen sollten nicht nur bestraft, sondern auch erzogen, beschäftigt und auf ein Leben nach der Haft vorbereitet werden.
1833 wurde eine Hausordnung erlassen, die national und international Beachtung fand. In Untermaßfeld wurden Gefangene in Klassen eingeteilt, sie erhielten Unterricht im Lesen, Schreiben und in Religion.
Es entstanden Werkstätten, eine Lehranstalt und Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen. Wer mittellos war, konnte sogar einen Teil seines Verdienstes ansparen, um nach der Entlassung einen neuen Anfang zu finden.
Besonders bemerkenswert: Bereits 1873 wurde in Meiningen auf körperliche Strafen verzichtet – zu einer Zeit, als solche Strafen vielerorts noch üblich waren.
Auch die Anrede der Gefangenen änderte sich: Ab 1893 mussten sie mit „Sie“ angesprochen werden. Untermaßfeld galt damals als einziges Zuchthaus in Deutschland, in dem diese respektvolle Form vorgeschrieben war.
In den 1920er Jahren erlebte die Reformbewegung einen neuen Höhepunkt. Ministerialdirigent Lothar Frede und Anstaltsleiter Dr. Albert Krebs machten Untermaßfeld zu einem Vorbild des progressiven Strafvollzugs.
Gefangene wurden nicht mehr nur verwahrt, sondern durch Arbeit, Bildung, Sport, Kultur und Verantwortung auf die Wiedereingliederung vorbereitet.
Es entstanden Sportplätze, ein Gefangenenchor, ein Streich- und Blasorchester, Schulunterricht, Werkstätten, Landwirtschaft, eine eigene Bäckerei und sogar eine Gefangenenzeitung.
Die Zeitung „Die Brücke“, erstmals 1928 erschienen, wurde von Gefangenen, Beamten und freien Bürgern gemeinsam gestaltet. Sie sollte tatsächlich eine Brücke schlagen – zwischen drinnen und draußen.
Auch das sogenannte Progressivsystem wurde eingeführt. Es bestand aus Beobachtungsstufe, Behandlungsstufe und Bewährungsstufe.
Besonders fortschrittlich war das erste Freigängerhaus: Gefangene der dritten Stufe konnten ohne Bewachung arbeiten, etwa in der Landwirtschaft oder bei privaten Arbeitseinsätzen. Damit wurde in Untermaßfeld schon früh erprobt, was heute als Lockerung im Vollzug bekannt ist.
So wurde die Strafanstalt Untermaßfeld in Thüringen zu einem Zentrum der Gefängnisreform. Der Grundgedanke war neu und mutig: Nicht Vergeltung sollte im Vordergrund stehen, sondern Besserung, Arbeit, Bildung und gesellschaftliche Wiedereingliederung.
Hinter den Mauern von Schloss Untermaßfeld wurde damit ein Stück moderner Strafvollzugsgeschichte geschrieben – eine Geschichte von harten Anfängen, mutigen Reformern und der erstaunlichen Idee, dass selbst ein Gefängnis ein Ort des Neuanfangs sein kann.










