Rhöner Folklore in Italien – Trachtenträger bekennen Farbe in Bergamo

Gastbeitrag von Frank Hößel
(Folkloretanzgruppe Kaltenlengsfeld e.V.)

„Es lebe das Europa der Volksgemeinschaften, wo jeder seinen Platz hat und wo jeder willkommen sein muss. Das Europa der Herzen wird nur Freunde und Frieden bringen, und Frieden ist Wohlfahrt, bringt Glück und kulturellen Reichtum. Das ist die Zukunft, die wir zusammen für alle europäischen Jugendlichen bauen.“

Diese beeindruckenden Zeilen schrieb der flämische Mitbegründer und spätere Vorsitzende des IEC Komitees Mon De Clopper (1922 - 1998). In Antwerpen entstand nun voller Idealismus im Jahre 1964 die erste Europeade und sollte nun weitergetragen werden.

Die Idee vereinte viele Regionen und Länder, welche ihre Lieder sangen und ihre Tänze in ihren Volkstrachten mit begleitender Livemusik darboten. Jeder zeigte die eigene Volkskultur, schätzte und respektierte diese und schloss feste Freundschaften.

Damals bestand bereits der starke Wille, dass die gelebte Folklore, auf die von unten gewachsene Volkskultur aufmerksam machen soll. Nun aber auf zur 60. Europeade nach Bergamo/Italien.

Die Vorzeichen nach der offiziellen Ausschreibung im Februar 2026 waren richtig gut, innerhalb kürzester Zeit waren schon über 4000 offizielle Anmeldungen beim Internationalen Europeade Komitee aus über 20 Ländern eingegangen.

Das jährlich stattfindende größte Folklorefestival für Musik, Tanz, Gesang und Fahnenschwingen, mancherorts mit bis zu 6000 Mitwirkenden in wechselnden Städten Europas, hatte angeblich mit Bergamo in der norditalienischen Region Lombardei einen geschichtsträchtigen und geeigneten Austragungsort gefunden.

Es war bisher ein aufopferungsvoller Weg für die Organisatoren nach einjähriger Pause wieder eine bereitwillige und kulturoffene Stadt als Ausrichter zu finden. Es sollte ein besonderes Folklorefest werden, der Countdown lief auf Hochtouren. Plötzlich 50 Tage vor Beginn, eine absolut unerwartete Nachricht des örtlichen Mitorganisators an das Komitee.

Die international beliebte Veranstaltung vom 22.7.-26.7.26 sollte nun nicht mehr stattfinden! Der Schock saß richtig tief, aber was nun? Viele Gruppen in ihren Regionen bereiteten sich schon monatelang darauf vor, der Urlaub war geplant, Hotels und Fahrrouten sowie Flüge waren bereits gebucht und bezahlt.

Kurzerhand wurde über die sozialen Medien eine so starke Gemeinschaft zusammengeführt, dass man sich gegenseitig Mut machte und einen großen privaten aktiven Tanz/ Musikurlaub organisierte. Viele waren nun gespannt, was uns in Bergamo erwartet. Einige Gruppen schlossen sich kurzerhand zusammen, um neue Programme zusammenzustellen und Fahrgemeinschaften zu bilden.

Unser Bus startete bereits Dienstag nachts um 2 Uhr in Annerod/ Gießen mit Tänzern von der ortsansässigen Tanzgruppe, weitere kamen dorthin aus Oranienburg, Kassel und Kaltenlengsfeld/Rhön.

Unterwegs gesellten sich noch weitere lustige Musiker, Tänzer und Fahnenschwinger u.a. aus Polheim, Reichenbach, Bensheim, Sontheim, Hohenlohe, Niederding und Bittelschieß hinzu.

Dass der Bus anfangs erheblich Verspätung hatte, gab der Aufbruchstimmung aber keinen Abbruch. Über die Schwäbische Alb in Bittelschieß voller Freude angekommen gab es zur Überraschung in „Huberts“ ausgebauter Festscheune von der ansässigen Volkstanzgruppe ein deftiges und liebevoll serviertes Bauernfrühstück für alle.

Gut in den Tag gestärkt und auf der nun gemeinsamen Fahrt über die Alpenpässe entstanden weitere Pläne für unser Programm und bei der ersten größeren Rast wurden sofort die Instrumente ausgepackt und erste gesellige Tänze von den Tanzleitern eingeübt.

Diese fröhliche und starke Gemeinschaft war bei allen von Anfang an, wie wir später erfuhren auch bei anderen Gruppen, zu verspüren. In Bergamo am frühen Abend gut angekommen, bezogen wir schnell unser schönes Hotel „Christallo Palace“, um im Anschluss gleich neugierig in die Stadt zu fahren, welche Gruppen und Personen bereits angekommen sind.

Die Stadt wurde am Abend kurz erkundet, wo Auftritte stattfinden können und erste Bekannte wurden mit manch kullernden Freudentränchen herzlich begrüßt. Gleich am nächsten Tag wurde ein Foto von unserer bunt gemischten Trachtengruppe zur Erinnerung und auch zur Freude der Hotelleitung angefertigt.

Nach ausgiebiger Frühstückszeit wurden tagsüber verschiedene Ausflüge in die malerischen Region Lombardei durchgeführt und manch regionale Spezialität verkostet. So organisierte und finanzierte jede angereiste Gruppe seine Erkundungen selbstständig.

Bergamo ist bekannt für ihre historische Oberstadt und Venezianische Stadtmauer, Kirchen, Theater und Museen. Kulinarisch sind die Polenta, hervorragende Alpenlandkäsesorten und Teigtaschenspezialitäten zu erwähnen. Das berühmte Stracciatella Eis findet hier seinen Ursprung wie auch der bekannte Harlekin.

Die Stadt hätte eigentlich als „offizieller“ Ausrichter das passende Festivalflair mit tollen großangelegten Auftrittsmöglichkeiten zur Eröffnungsfeier und Abschlussveranstaltung, den großen Festzug durch die Altstadt und Kathedralen für einen gemeinschaftlichen Gottesdienst gehabt.

Die Verantwortlichen zur Absage des Festivals werden sich jetzt sicherlich insgeheim Gedanken machen. Die heutige Situation in der Welt fordert eben auch erhöhte Sicherheitsvorkehrungen und wahrscheinlich war die Stadt Bergamo auch mit weiteren organisatorischen Dingen zunehmend überfordert.

Viele Gruppen kamen trotzdem u.a. aus Finnland, Schweden, Estland, Litauen, Schweiz, Frankreich, Spanien, Portugal, Frankreich, Zypern, Niederlande, Belgien, Polen und Italien mit ihren ausdrucksstarken Beiträgen und Mitmachaktionen. Aus Deutschland reisten z.B. Gruppen aus Gütersloh, Berlin und der Münchner Gegend an.

Aus dem Thüringer Raum reisten einige Europeade erfahrene Freunde mit OB Knut Kreuch und dem Bürgerbus Gotha an. Einen kleinen Abstecher aus ihrem Urlaub machten ebenso die jungen Tänzerinnen aus Brotterode/Trusetal und die Schumlacher Musikanten aus dem Südthüringer Lindenberg.

Einige leidenschaftliche Fans wie Marcel Andreß halten stetig den Kontakt zu den Gruppen aufrecht und Uwe-Jens Igel mit Frau berichteten bereits mehrfach in all den Jahren über diese Events. Weiterhin waren einige benachbarte Trachtenfreunde aus dem unterfränkischen Schweinfurt und Gmünd/Main zur Freude dabei.

Schätzungsweise hatten sich etwa 1000 Teilnehmer auf den Weg gemacht um ihre Traditionen mit Gleichgesinnten auszutauschen und in die Welt zu tragen. An den frühen Abenden wurde sich kurzerhand überall in der Stadt in regionaler Tracht oder Vereins T- Shirts getroffen, um gemeinsam die“ Europeadebälle“ ausgelassen zu feiern.

Von Donnertag bis Sonntag verspürte man mit lebensfrohen Mitmachtänzen, Gesängen und stimmungsvollen Musikstücken ausgiebig in den Fußgängerzonen, Plätzen und Kneipen den wahren Charakter der sonst so durchorganisierten erlebnisreichen Veranstaltung.

Manches benachbarte Restaurant war bereits am Samstag mit der Bierversorgung überfordert und „trockengelegt“. Man spürte sofort, dass es diesmal irgendwie anders werden würde. Das es immer friedlich, freundschaftlich und fröhlich zuging war ja jeden bekannt, aber jetzt war man noch näher dran den „Europeadegedanken“ miteinander zu erhalten und weiterhin zu beleben.

Folkloristen mit Herzblut fanden sich zusammen und jeder konnte sofort mit einsteigen und andere Kulturen mit viel Lust auf Neues bei den Begegnungen erfahren. Neue Bekanntschaften endeten vielmals in festen Freundschaften und weiteren Vorhaben.

Ein gemeinschaftliches Foto von vielen Teilnehmern mit historischem Hintergrund bestärkte zudem den traditionsreichen Gemeinschaftssinn. Es war ja durch die Absage des Festivals nun keine offizielle Veranstaltung mehr und selbst die Polizei war mit dieser unerwarteten Situation konfrontiert.

Die Carabinieri beobachteten zunächst die lustigen farbenfrohen europäische Trüppchen und fragten hin und wieder nach Auftrittsgenehmigungen. Die Botschaft des friedlichen Daseins und des starken Miteinanders, hatte beizeiten enorme Wirkung und man ließ der überbrachten Kultur nun freien Lauf.

Nur in der historischen Oberstadt sollte bis 22 Uhr dann Ruhe einkehren dürfen. Für viele Einheimische und Touristen war es eine ganz besondere Erfahrung mittendrin und menschennah dabei zu sein.

Im Fazit muss man sagen, dass ein so spontanes rein privat finanziertes Festival mit unbändiger Lebensfreude, in großer Dankbarkeit und Herzlichkeit mit wachsender Wertschätzung gegenüber eigener und anderer Kultur immer wieder in die Öffentlichkeit getragen und gepflegt werden muss.

Alle Teilnehmer und Gruppen werden diese besondere Begegnung als wichtige Lebenserfahrung niemals vergessen, dass so etwas auch ohne großangelegte Vorbereitungen, Behördengänge und Politik in Kürze so funktionieren kann. Wir zollen allen einen aufrichten Respekt, welche in Bergamo einfach so mitgewirkt haben.

Einen besonderen Dank gilt auch dem Organisationsteam unserer „tollen Reisegruppe“ um Ruben Heidel, Carla Rühl und Ingrid Enderle, den Tanzleitern sowie allen leidenschaftlichen Musikern und nicht zuletzt den Busfahrer Bernd für seine sichere Fahrweise und leckere Reiseverpflegung. Die Rückreise wurde uns wiederum durch die Musiker und Sangesfreude an Bord verschönt.

Alle werden diese gemeinsame Reise noch sehr lange in positiver Erinnerung behalten.

Wie die offizielle „Europeade“ nun weiter belebt und neu ausgerichtet werden kann, dazu wünschen wir den derzeitigen Präsidenten des IEC Rüdiger Heß und dem ehrenamtlichen Komitee mit Sitz in Sint-Pauweis/Belgien weiterhin viel Kraft, neue Ideen, ein respektvolleres Miteinander, geschicktere Verhandlungen, Findung einer verlässlichen Ausrichterstadt, bessere Finanzierungsmöglichkeiten mit Sicherheiten und etwas mehr Glück bei den bürokratischen Hindernissen.

Bereits in Bergamo war zu erfahren, dass dort eine interne Zusammenkunft des Komitees angesagt war. Interessenten und Partner zur Europeade Teilnahme gibt es wahrlich mehr als genügend!

Alle sind auf ein nächstes Mal gespannt und wünschen uns in einem noch friedlicheren Europa treffen zu können…