Mitteilung des Bistums Fulda
Ein Aussichtspunkt über der Stadt, die Kirschblüten in den Obstplantagen und der „Silberne Stern“ in Gaisbach: Drei Orte seiner Heimat hat der Fuldaer Bischof Dr. Michael Gerber zum Ausgangspunkt seiner Predigt bei den Baden-Württembergischen Heimattagen in Oberkirch genommen.
Mit Blick auf persönliche Erinnerungen sprach er über Integration und die Frage, was aus den Wunden von Menschen und Gesellschaften entstehen kann. Dabei stellte er den christlichen Glauben als Kraft heraus, die zu einer Kultur der Menschlichkeit beitragen kann.
Wenn Fuldas Bischof Dr. Michael Gerber nach längerer Zeit nach Oberkirch zurückkehrt, gehört ein bestimmter Umweg für ihn dazu.
Bereits an der Autobahnausfahrt Achern fährt er über Waldulm in Richtung Heimat. Am Parkplatz unterhalb des Ringelbacher Kreuzes hält er an und blickt auf Oberkirch und seine Teilorte.
Heimat erfahren
„Meine Heimat ist noch da“ – dieser Gedanke erfülle ihn jedes Mal mit großer Dankbarkeit, sagte der Bischof. Die Möglichkeit, an den Ort zurückzukehren, an dem man aufgewachsen ist, sei angesichts von Flucht und Vertreibung weltweit keineswegs selbstverständlich.
Heimat sei dabei mehr als ein geografischer Ort. Sie werde dort erfahrbar, wo Menschen im Herzen anderer einen Platz finden. Gerber erinnerte an seine Eltern, die 1968 als Fremde nach Oberkirch kamen und hier durch die Beziehungen zu anderen Menschen heimisch wurden.
Daraus erwachse eine Frage, die über die eigene Familiengeschichte hinausweist: „Wem helfen wir heute, dass er oder sie bei uns heimisch wird?“
Zerbrechlichkeit wahrnehmen
Die Kirschblüten auf den Obstplantagen rund um Oberkirch wurden für Gerber zum Bild für die Verletzlichkeit des Lebens.
Wer im Frühjahr die weißen Blüten sehe, erlebe zunächst vor allem ihre Schönheit, sagte Gerber. Die Menschen vor Ort wüssten jedoch: Eine einzige Frostnacht könne die Ernte gefährden.
Dieser Blick auf die Zerbrechlichkeit schärfe auch die Aufmerksamkeit für Menschen, die mit Krankheit, Behinderung, Armut oder anderen Einschränkungen leben.
„Eine Gesellschaft zeigt ihre Menschlichkeit gerade da, wo auch bei knapper werdenden Ressourcen die Herausforderungen derjenigen eine angemessene Beachtung finden, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens aufgewachsen sind“, betonte er.
Zusammenarbeit entwickeln
Mit Blick auf den dritten Ort, den „Silbernen Stern“ im Oberkircher Ortsteil Gaisbach, erinnerte Gerber an den „Simplicissimus“, den Grimmelshausen dort verfasste – und erinnerte damit auch an die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges. Heute litten Menschen unter Krieg und Gewalt etwa im Sudan, in der Ukraine und im Nahen Osten.
Zugleich verwies Gerber auf die Aussicht von Oberkirch über die Vogesen bis nach Frankreich. Eine Region, die über Jahrhunderte von Konflikten geprägt gewesen sei, lebe heute in Frieden und europäischer Zusammenarbeit.
Menschlichkeit weitergeben
Der christliche Glaube könne Kultur positiv prägen, sagte Gerber. Die Gemeinschaft der Gläubigen sei nach Pfingsten als ein Volk aus allen Völkern gewachsen – über die Grenzen von Herkunft und Kultur hinweg.
Daraus ergebe sich für ihn auch eine klare Abgrenzung gegenüber Ideologien, die Menschen nach Herkunft oder Zugehörigkeit voneinander trennen.
„Auch wenn manch national-identitäre, faschistoide Strömung unserer Tage sich christentümlich geben mag, Christentum und faschistoide Strömungen sind im Kern unvereinbar“, sagte Gerber.
Wunden und Verluste dürften nicht zu Vergeltung und neuer Aggression führen, betonte der Bischof: „Aus Wunde, Verwundung und Verlust erwächst eine neue Kultur der Menschlichkeit. Das ist die Botschaft der Mitte unseres Glaubens.“


