Gastbeitrag von Lea Hohmann
Mächtige Buchen, uralte Blockhalden, glasklare Quellen und seltene Tierarten: Beim länderübergreifenden Kernzonentag unter dem Motto „Rhöner Wildnis erleben“ wurden wertvollste Naturräume im UNESCO-Biosphärenreservat Rhön der Öffentlichkeit vorgestellt.
Mit kostenfreien, fachkundig begleiteten Exkursionen in Bayern, Hessen und Thüringen luden die Verwaltungsstellen dazu ein, die besondere Wildnis der Rhön hautnah zu entdecken – und das große Interesse zeigte: Zahlreiche Naturbegeisterte nutzten die Gelegenheit, einen geschützten Lebensraum kennenzulernen.
Kernzonen sind das Herzstück jedes Biosphärenreservats. Sie machen nur rund drei Prozent der Fläche aus, sind aber von zentraler Bedeutung für den Naturschutz, die Forschung und das Verständnis natürlicher Prozesse.
Hier gilt der sogenannte Prozessschutz: Die Natur darf sich weitgehend unbeeinflusst entwickeln. Wälder wachsen, altern und zerfallen ohne forstliche Nutzung – ein seltener Anblick in unserer Kulturlandschaft.
Wildnis zum Staunen: Unterwegs in der Thüringer Kernzone „Am Rhönkopf“
Exemplarisch für den Aktionstag stand die Exkursion in der Thüringer Rhön: Knapp 60 Teilnehmende machten sich gemeinsam mit Revierleiter Matthias Spiegel von ThüringenForst und Karola Marbach, Referentin für Forschung und Monitoring in der Thüringer Verwaltungsstelle UNESCO-Biosphärenreservat Rhön, auf den Weg in die Kernzone „Am Rhönkopf“ – eine der ältesten Kernzonen der Thüringer Rhön.
Bereits nach wenigen Metern wurde deutlich, was diesen Ort so besonders macht: Großflächige Blockhalden prägen das Gelände und schaffen ein ganz eigenes Mikroklima.
„Diese Blockschuttfelder sind einzigartige Lebensräume. Sie speichern Kälte und Feuchtigkeit und bieten spezialisierten Arten ein Refugium, das es in dieser Form nur noch selten gibt“, erklärte Karola Marbach, die das Thüringer Rhön Kernzonenmonitoring koordiniert.
In den Felsspalten und kühlen Hohlräumen leben sogenannte Eiszeitrelikte – Arten, die an ganz bestimmte klimatische Bedingungen angepasst sind.
Auch der Wald selbst erzählte seine Geschichte: Die Buche ist mit rund 45 Prozent die prägende Baumart des Bestands, gefolgt vom Berg-Ahorn. Ohne menschliche Nutzung entwickeln sich hier naturnahe, strukturreiche Wälder mit hoher ökologischer Vielfalt.
„Wir können hier beobachten, wie sich Wald über Jahrzehnte und Jahrhunderte eigenständig verändert – das ist für die Forschung enorm wertvoll“, betonte Matthias Spiegel.
Lebensraum für seltene Arten – von Fledermaus bis Quellschnecke
Ein weiterer Schwerpunkt der Exkursion lag auf dem Artenreichtum der Kernzone. Besonders beeindruckend: das Fledermaus-Monitoring.
Rund 15 verschiedene Fledermausarten konnten im Gebiet bereits nachgewiesen werden, darunter sehr seltene und störungsempfindliche Arten, wie z. B. die Nordfledermaus. Alte Bäume, Höhlen und Totholz bieten dafür ideale Voraussetzungen.
Schatzkammern der Biodiversität
Große Bedeutung kommt zudem den zahlreichen Quellen im Gebiet zu. Sie sind Lebensraum für hochspezialisierte Organismen wie die Rhön-Quellschnecke oder den Alpenstrudelwurm.
Diese Arten gelten als Zeigerorganismen für eine außergewöhnlich hohe Wasserqualität. Auch der Höhlenkrebs, Tier des Jahres 2026, ist in den kühlen, sauberen Gewässern der Kernzone heimisch.
„Die Rhöner Kernzonen sind Schatzkammern der Biodiversität“, so Karola Marbach. „Sie zeigen, wie vielfältig, einzigartig und widerstandsfähig natürliche Ökosysteme sein können, wenn ihnen dafür der Raum gelassen wird.“
Lernen, verstehen, schützen
Neben ihrer zentralen Rolle für Naturschutz und Forschung erfüllen die Kernzonen – mit der gebotenen Rücksichtnahme – auch eine wichtige Aufgabe in der Bildung für nachhaltige Entwicklung.
Der Kernzonentag machte deutlich, wie wertvoll direkte Naturerfahrungen sind, um ökologische Zusammenhänge zu verstehen und Wertschätzung für diese besonderen Lebensräume zu entwickeln.
Spannende Führungen in Hessen und Bayern
In Hessen führte Ranger Hubert Stumpf von der Hessischen Verwaltungsstelle UNESCO-Biosphärenreservat Rhön gemeinsam mit Förster Peter Seufert rund 25 Teilnehmende durch die Kernzone des Naturschutzgebiets „Kesselrain“ nahe des Roten Moores.
Im Fokus standen die zahlreichen Quellen des Gebiets und ihre besondere Bedeutung für Arten wie die Rhön-Quellschnecke, die als Zeiger für höchste Wasserqualität gilt.
Neben spannenden Einblicken in die naturnahe Waldentwicklung bot die Tour beeindruckende Ausblicke in die Rhönlandschaft. Ein besonderes Frühjahrserlebnis war zudem der Lerchensporn, der entlang des Weges in voller Blüte stand.
In der bayerischen Rhön erkundeten über 40 Teilnehmende bei bestem Wanderwetter gemeinsam die Kernzonen Farnsberg und Totnansberg in den Schwarzen Bergen.
Dr. Tobias Birkwald von der Bayerischen Verwaltungsstelle des UNESCO-Biosphärenreservats Rhön erläuterte die Ziele und Hintergründe des Prozessschutzes.
Naturpark-Ranger Leonard Helfrich und Amelie Nöth betonten die besondere Bedeutung der Schwarzen Berge für die Rhöner Biodiversität, während Oskar Jungklaus vom Bund Naturschutz Bad Kissingen spannende Einblicke in die Vielfalt der Schmetterlinge der Rhön gab.
Anschaulich zeigte Dorothee Maier, Revierleiterin der Bayerischen Staatsforsten, wie der klimabedingte Waldumbau am Totnansberg gelingt – und welche Herausforderungen der Klimawandel für den Wald mit sich bringt.
Der länderübergreifende Aktionstag soll zudem auch an die Verantwortung aller Besuchenden erinnern: Wege nicht verlassen, Tiere und Pflanzen nicht stören, Hunde anleinen und keinen Müll hinterlassen. Nur so lassen sich Naturerleben und Naturschutz dauerhaft miteinander vereinbaren.
Weitere Informationen zu den Kernzonen der Rhön gibt es auf der Website des UNESCO-Biosphärenreservats unter
www.biosphaerenreservat-rhoen.de.






