Seniorentag auf dem Emberg: „Niemand soll vergessen sein“

Gastbeitrag von Julia Otto

Rund 50 Seniorinnen und Senioren aus den Kirchgemeinden Stadtlengsfeld, Weilar, Oechsen und Gehaus kamen am Mittwoch zum traditionellen Seniorentag auf der Emberghütte zusammen. Organisiert wurde der Nachmittag von Susann Heiderich und Pfarrer Thomas Göhring.

Mit dem Wiesenthaler Bus erreichten die Gäste den Emberg, wo trotz kühler Temperaturen und vereinzelter Regenschauer eine herzliche Atmosphäre herrschte. Immer wieder öffnete sich der Blick über Dermbach und die umliegenden Dörfer bis hinein in die Rhön.

Den geistlichen Mittelpunkt bildete die Andacht von Pfarrer Thomas Göhring zum Monatsspruch für Juni 2026 aus Hebräer 13,3: „Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib!“

Göhring hob die besondere Symbolik des Ortes hervor. Der Emberg mit seiner weiten Aussicht und dem weithin sichtbaren Kreuz lade dazu ein, den Blick über den eigenen Alltag hinaus zu richten.

Während im Tal oft Termine, Sorgen und Verpflichtungen den Alltag bestimmten, eröffne die Höhe eine neue Perspektive, auf die Landschaft ebenso wie auf die Mitmenschen.

Der Monatsspruch verschweige dabei nicht die Schattenseiten des Lebens. Der Hebräerbrief erinnere daran, Menschen in Not nicht aus dem Blick zu verlieren. Ursprünglich seien damit Christen gemeint gewesen, die wegen ihres Glaubens verfolgt und inhaftiert wurden.

Die Botschaft reiche jedoch weit darüber hinaus: Christlicher Glaube bedeute, sich mit dem Leid anderer verbunden zu wissen und Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Besonders eindrücklich legte der Pfarrer den Satz aus: „Denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib.“ Gerade ältere Menschen wüssten aus eigener Erfahrung um die Zerbrechlichkeit des Lebens.

Zu den schönen Begegnungen und gemeinsamen Stunden gehörten ebenso Krankheit, nachlassende Kräfte oder Einsamkeit. Diese eigene Verletzlichkeit könne den Blick für die Sorgen anderer schärfen und zu Mitgefühl und Anteilnahme führen.

Als Beispiel nannte Thomas Göhring Klaus Bonhoeffer, den Bruder des Theologen Dietrich Bonhoeffer. Aus seiner Gefangenschaft heraus habe er kurz vor seiner Ermordung im April 1945 Briefe voller Hoffnung, Klarheit und Glaubensvertrauen an seine Familie geschrieben.

Sie zeugten davon, dass selbst in dunklen Zeiten Hoffnung wachsen könne und christlicher Glaube über die unmittelbaren Umstände hinausweise.

Der Monatsspruch stelle auch heute eine Herausforderung dar, betonte Thomas Göhring. Noch immer würden Menschen wegen ihres Glaubens, ihrer Überzeugungen oder ihres Einsatzes für Menschenwürde verfolgt.

Zugleich gebe es auch in den eigenen Dörfern Menschen, die in Krankheit, Trauer, Angst oder Einsamkeit gefangen seien. Christliche Gemeinde sei dazu berufen, sie nicht zu vergessen.

„Hier oben auf dem Emberg kann man weit sehen“, sagte der Theologe. „Doch die entscheidende Frage ist, ob unser Blick auch diejenigen erreicht, die sonst leicht übersehen werden.“

Im gemeinsamen Gebet wurde dieser Gedanke aufgenommen. Abgerundet wurde die Andacht durch das Lied „Vaterunser“ von Hanne Haller. Anschließend blieb bei Kaffee und Kuchen Zeit für Begegnungen und Gespräche.

Eine feste Gruppe engagierter Helferinnen und Helfer hatte die Bewirtung mit vorbereitet und sorgte dafür, dass sich die Gäste willkommen fühlten.

Für eine Gruppe von Helferinnen ist ihr Einsatz selbstverständlich. Es gehe um Gemeinschaft, um Zuhören, Interesse am Leben anderer und das Miteinander über Generationen hinweg.

Alte Rezepte, Erinnerungen und Traditionen hätten ebenso ihren Platz wie die Frage, wie es den Menschen im Dorf gehe. Nicht Neugier, sondern Anteilnahme stehe dabei im Mittelpunkt.

So wurde der Seniorentag auf dem Emberg einmal mehr zu einem sichtbaren Zeichen dessen, woran die Andacht erinnerte: Christliche Gemeinschaft lebt davon, dass Menschen einander wahrnehmen, füreinander beten und niemanden vergessen.