Mit dem Fahrrad nach Dänemark – Rhöner Geschwister meistern außergewöhnliches Abenteuer

Gastbeitrag von Lina Krämer

Was als spontane Idee begann, entwickelte sich zu einem unvergesslichen Abenteuer: Wir, die Geschwister Lina, Richard und Inga Krämer aus Gleimershausen, sind vom 24. bis 30. Juli 2026 mit dem Fahrrad von Flensburg bis nach Pandrup in Norddänemark gefahren.

Insgesamt legten wir 436 Kilometer zurück – und das mit ganz normalen Standardfahrrädern, also ohne E-Bikes oder elektrische Unterstützung, ohne spezielles Training, ohne aufwendig geplante Route und lediglich mit einem kleinen Zelt, etwas Gepäck und einer großen Portion Mut.

Bereits die Anreise hatte es in sich. Früh morgens um 7 Uhr startete unser Abenteuer mit dem ICE von Fulda nach Hamburg. Schon das Einsteigen mit den voll beladenen Fahrrädern war eine Herausforderung.

Die Fahrradabteile waren eng und das gesamte Gepäck musste irgendwie verstaut werden. Von Hamburg ging es mit der S-Bahn nach Pinneberg und anschließend mit der Regionalbahn nach Flensburg.

Besonders beeindruckt hat uns bereits auf der Anreise die Hilfsbereitschaft vieler Menschen. In Hamburg halfen uns zahlreiche Fahrgäste dabei, unsere schweren Fahrräder die Treppen einer unterirdischen S-Bahn-Station hinunterzutragen, da sie nicht in den Fahrstuhl passten.

Auch in Pinneberg, wo der Bahnhof völlig überfüllt war, bekamen wir Unterstützung. Andere Radfahrer erklärten uns, in welchen Waggon wir mit unseren Rädern einsteigen sollten, damit wir überhaupt noch einen Platz im Zug nach Flensburg bekamen.

Gegen 14 Uhr erreichten wir schließlich Flensburg. Dort zogen wir unsere Fahrradsachen an und starteten voller Vorfreude in Richtung dänische Grenze.

Bereits kurz vor Harrislee mussten wir wegen wenig Luft im Reifen an Ingas Fahrrad eine erste Pause einlegen. Als wir schließlich die Grenze nach Dänemark überquerten, war das ein ganz besonderer Moment. Endlich ging unsere eigentliche Tour los.

Für den ersten Tag hatten wir uns 73 Kilometer vorgenommen. Was wir zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht wussten: Unser größter Gegner würden nicht die Kilometer sein, sondern der eigene Körper.

Bereits nach wenigen Kilometern schmerzten unsere Sitzknochen und Beine so sehr, dass wir erste Pausen einlegen mussten. Da wir bereits um vier Uhr morgens aufgestanden waren, machte sich die Müdigkeit zusätzlich bemerkbar.

Auf halber Strecke riefen wir vorsorglich auf unserem ersten Campingplatz an. Die Betreiber – zwei Deutsche – nahmen uns sofort die Sorge und versicherten uns, dass wir auch spät am Abend noch ankommen könnten. Das motivierte uns zusätzlich.

Die letzten Kilometer des Tages waren jedoch die reinste Qual. Ein langer Schotterweg zog sich scheinbar endlos hin. Wir waren erschöpft, gereizt und stritten uns sogar gegenseitig. Trotzdem erreichten wir gegen 21 Uhr unseren Campingplatz.

Völlig fertig fielen wir auf unsere Isomatten und fragten uns ernsthaft, wie wir am nächsten Morgen überhaupt wieder aufs Fahrrad steigen sollten. Doch genau das taten wir.

Nach dem Zusammenpacken unseres Zeltes ging es weiter Richtung Esbjerg. Die 66 Kilometer dieses Tages verliefen deutlich angenehmer. Zum ersten Mal fuhren wir auf der bekannten dänischen Fahrradroute Nummer 1.

Die Strecke führte vorbei an frei laufenden Schafen, Kühen und wunderschönen Landschaften. Oft waren wir kilometerlang unterwegs, ohne einem Auto zu begegnen. Jeden Morgen und Abend kauften wir in den dänischen Supermärkten unser Frühstück und Abendessen ein und fuhren praktisch von Supermarkt zu Supermarkt.

Am Abend erreichten wir einen Shelterplatz mitten in der Natur. Schon der Weg dorthin war ein kleines Abenteuer. Unsere Fahrräder mussten wir einen steilen Hang hinaufschieben und mehrere Weidetore passieren, da überall frei laufende Schafe unterwegs waren.

Kurz nach unserer Ankunft begegneten uns zunächst einige Jugendliche, deren Verhalten uns ein ungutes Gefühl gab. Wir hatten tatsächlich Angst, die Nacht dort alleine verbringen zu müssen.

Doch später hörten wir erneut Geräusche. Mein Bruder Richard schaute vorsichtig aus dem Zelt und entdeckte zwei weitere Radfahrer. Unsere erste Frage lautete: „Do you speak German?“

Als einer der beiden sofort mit „Ja“ antwortete, fiel uns ein riesiger Stein vom Herzen. Einer der beiden hieß Linus. Wir unterhielten uns lange und waren unglaublich erleichtert, in dieser abgelegenen Gegend nicht mehr allein zu sein.

Am nächsten Morgen starteten wir früh in den Tag und gönnten uns zunächst ein ausgiebiges Frühstück bei McDonald’s, bevor wir die rund 76 Kilometer bis Hvide Sande in Angriff nahmen.

Zunächst lief alles perfekt. Doch etwa 20 Kilometer vor dem Ziel zog plötzlich ein Unwetter auf. Es begann in Strömen zu regnen. Innerhalb weniger Minuten waren wir komplett durchnässt.

Die Straßen standen unter Wasser, unsere Kleidung war klatschnass und die Stimmung erreichte ihren Tiefpunkt. Ich war völlig fertig, brach unterwegs in Tränen aus und sagte, dass ich so eine Tour nie wieder machen würde.

Schließlich rief ich unsere Mutter in Deutschland an. Sie organisierte kurzerhand ein Bed & Breakfast in Hvide Sande, sodass wir nach rund 80 Kilometern endlich in einem warmen Bett schlafen, unsere Kleidung trocknen und heiß duschen konnten.

Am nächsten Morgen wartete bereits die nächste Herausforderung. Auf dem Weg nach Bovbjerg mussten wir gegen extremen Gegenwind kämpfen. Teilweise erreichten die Windböen Geschwindigkeiten von bis zu 52 km/h.

Hinzu kam, dass die ausgeschilderte Fahrradroute plötzlich endete und wir etwa 20 Kilometer auf einer Bundesstraße fahren mussten. Links von uns rasten Autos vorbei, während uns der Wind aus allen Richtungen entgegenblies.

Da Dänemark in dieser Region sehr flach ist, konnte der Wind ungebremst über die Landschaft fegen. Wir kamen kaum vorwärts und mussten immer wieder auf Inga warten, die verständlicherweise ebenfalls mit den Bedingungen kämpfte.

Ob dieser Tag oder der Regentag schlimmer war, können wir bis heute nicht sagen. Am Abend erreichten wir völlig erschöpft unseren Campingplatz.

Der nächste Tag führte uns über Thyborøn mit der Fähre nach Agger. Für uns war die Überfahrt ein echtes Highlight. Zwar wurde mir durch den Wellengang etwas übel und ich hatte kurz Angst, aber letztlich verlief alles problemlos.

Kurz vor dem Tagesziel sagte Richard noch scherzhaft: „Heute läuft es richtig gut.“ Kaum hatte er das ausgesprochen, begann es erneut in Strömen zu regnen. Zusätzlich ging an seinem Fahrrad ein Spiegel kaputt. Wieder kämpften wir uns völlig durchnässt bis zum Campingplatz.

Als wir dort ankamen, wollten wir unser Zelt aufbauen. Genau in diesem Moment setzte der größte Regen ein. Gemeinsam mit dem freundlichen Campingplatzbesitzer fanden wir jedoch eine Lösung: Statt des Zeltplatzes durften wir spontan in eine kleine Hütte mit Betten umziehen. Für uns war das purer Luxus.

Am nächsten Morgen wartete der schönste Tag der gesamten Reise. Bei strahlendem Sonnenschein fuhren wir über Thisted bis nach Bonderup. Die Strecke führte vorbei am Limfjord, durch wunderschöne Landschaften und kleine Orte.

Wir genossen jede Minute dieser Etappe. Unser Ziel war ein kostenloser Shelterplatz, der alles bot, was man sich wünschen konnte: Strom, Wasser, Toiletten und sogar einen kleinen Selbstbedienungsladen. Dort verbrachten wir unseren letzten Abend und ließen die vergangenen Tage Revue passieren.

Am letzten Morgen lagen nur noch 28 Kilometer zwischen uns und unserem Ziel.

Bei bestem Wetter fuhren wir die letzten Kilometer nach Pandrup. Die letzten Meter legten wir nebeneinander zurück, lachten und konnten kaum glauben, dass wir es tatsächlich geschafft hatten.

Am Ferienhaus wurden wir herzlich von unseren langjährigen Bekannten Kareen und Pierre empfangen. Zur Begrüßung gab es Pizza und typisch dänische Zimtschnecken. Erst dort wurde uns wirklich bewusst, was wir gerade geleistet hatten: 436 Kilometer mit dem Fahrrad – quer durch Dänemark.

Besonders stolz macht uns die Tatsache, dass wir völlig unvorbereitet gestartet sind. Wir hatten weder monatelang trainiert noch eine professionelle Route geplant oder teure Navigationsprogramme genutzt.

 

Unsere gesamte Tour planten wir spontan mit Google Maps. Wir erlebten Regen, Sturm, Gegenwind, Sonnenschein und sommerliche Temperaturen – oft alles innerhalb weniger Tage.

Neben den landschaftlichen Eindrücken werden uns vor allem die Menschen in Erinnerung bleiben. Sowohl in Deutschland als auch in Dänemark begegneten uns unglaublich hilfsbereite Menschen.

Fremde halfen uns mit unseren Fahrrädern, Campingplatzbetreiber unterstützten uns, andere Radfahrer machten uns Mut und auch Familie, Freunde und Bekannte schrieben uns täglich Nachrichten, in denen sie uns motivierten und uns sagten, wie stolz sie auf uns seien.

Gerade an den schwierigsten Tagen gab uns das die Kraft, weiterzufahren. Natürlich spielte auch unser Ehrgeiz eine große Rolle. Aufgeben kam für uns als Geschwister nie wirklich infrage.

Heute können wir sagen: Die Tour war körperlich die größte Herausforderung, die wir bisher erlebt haben. Gleichzeitig war sie eines der schönsten Abenteuer unseres Lebens.

Wir haben unsere Grenzen kennengelernt, unzählige besondere Momente erlebt und gesehen, dass man mit Mut, Zusammenhalt und einer Portion Abenteuerlust viel mehr schaffen kann, als man sich selbst zutraut.