100 Jahre Natur- & Heimatfreunde Bad Liebenstein: Jubiläum mit gelebter Geschichte

Gastbeitrag von Rüdiger Christ

Ein Jahrhundert Vereinsgeschichte, geprägt von Heimatverbundenheit, ehrenamtlichem Engagement, der Pflege von Natur und Kultur sowie dem Einsatz für die Burgruine Liebenstein.

Die Natur- und Heimatfreunde Bad Liebenstein e.V. haben am letzten Augustwochenende ihr 100-jähriges Jubiläum gefeiert. Im Speiseservice Wißler kamen zahlreiche Vereinsmitglieder, Vertreter befreundeter Vereine, Unterstützer und langjährige Wegbegleiter zusammen, um auf eine außergewöhnliche Geschichte zurückzublicken und zugleich optimistisch nach vorn zu schauen.

Vereinsvorsitzender Stephan Konietzko begrüßte die zahlreichen Gäste. Unter ihnen waren auch der Landrat des Wartburgkreises und früherer Bürgermeister von Bad Liebenstein, Dr. Michael Brodführer, sowie der erste ehrenamtliche Beigeordnete der Stadt, Silvio Göring, der die Bürgermeisterin vertrat.

Auch Vertreter des Südthüringer Amateurtheaters (SAT), des Männergesangvereins 1919 Langenfeld und weitere befreundete Vereine waren der Einladung gefolgt.

Eine besondere Rolle nahm an diesem Abend Ehrenmitglied Fritz-Eberhard Reich ein. Der langjährige Vereinsvorsitzende und erste frei gewählte Bürgermeister Bad Liebensteins nach der deutschen Wiedervereinigung hielt die Festrede und zeichnete darin die wechselvolle Geschichte des Vereins über ein ganzes Jahrhundert nach.

Von der Burggemeinde zum heutigen Heimatverein

Die Wurzeln des heutigen Vereins reichen weit zurück. Bereits im 19. Jahrhundert hatte sich in Liebenstein ein Verschönerungsverein gegründet, der sich später Verkehrsverein nannte.

Anfang des 20. Jahrhunderts bestand außerdem der Thüringer Wald Verein Bad Liebenstein-Schweina-Altenstein. Beide gingen schließlich in der Burggemeinde Bad Liebenstein auf, die am 12. Februar 1926 gegründet wurde.

Die 21 Gründungsmitglieder der Burggemeinde verband vor allem die Begeisterung für die Geschichte ihrer Heimat und für die Burgruine Liebenstein. Sie wollten das historische Bauwerk sichern, erhalten und Besuchern zugänglich machen.

Trotz der wirtschaftlich schwierigen Jahre mit Arbeitslosigkeit und Rezession gelang ihnen dabei Bemerkenswertes. 1932 wurde der Aussichtsturm auf der Burgruine errichtet. Eine noch heute vorhandene Marmorplatte erinnert an diese Zeit.

Auch eine Blockhütte am Fuße der Burgruine wurde als Treffpunkt und Vereinsdomizil erbaut. Nachdem sie 1945 zerstört worden war, erfolgte 1951 der Wiederaufbau.

Die Burggemeinde musste sich jedoch im Zuge der Gleichschaltung der Vereine während der nationalsozialistischen Zeit auflösen. Die Geschichte des Engagements für die Heimat war damit allerdings keineswegs beendet.

Heimatpflege auch in der DDR-Zeit

Während der DDR-Zeit konnte ein eigenständiger Verein außerhalb des staatlich gelenkten Kulturbundes nicht in der bisherigen Form weiterbestehen. Deshalb wurde die Heimatpflege innerhalb des Kulturbundes fortgeführt.

Bereits 1949 entstand in Bad Liebenstein die Arbeitsgruppe „Natur- und Heimatfreunde“. Sie setzte die Arbeit der früheren Burggemeinde fort und widmete sich insbesondere der Burgruine und ihrem Umfeld.

In den folgenden Jahrzehnten entstand eine beeindruckende Vielzahl von Aktivitäten. 1951 wurden der Aussichtsturm restauriert und die zerstörte Blockhütte wieder aufgebaut.

Eine Wanderkarte von Bad Liebenstein und Umgebung wurde herausgegeben, ein Natur- und Lehrpfad angelegt und 1956 eine Chronik über Bad Liebenstein veröffentlicht.

Später kamen weitere Projekte hinzu. Unter anderem entstand von 1973 bis 1975 das „Ornithologische Zentrum“ oberhalb des Elisabethparks.

Unter dem Dach der Natur- und Heimatfreunde bildeten sich zudem zahlreiche Fachgruppen – von Philatelie, Höhlenforschung und Fotografie über Numismatik und Aquaristik bis hin zu Ortschronik und Bergwerksverein.

Auch die Pflege des Altensteiner Parks spielte eine wichtige Rolle. Mit dem 1981 gegründeten Parkaktiv konnte gemeinsam mit der Stadt dazu beigetragen werden, den Park zu pflegen und vor weiterer Verwahrlosung zu bewahren.

Reich bezeichnete diese Entwicklung rückblickend als einen wichtigen Grundstein für die spätere Übernahme des Parks durch die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten.

Stephan Konietzko

Neubeginn nach der deutschen Einheit

Nach der deutschen Wiedervereinigung war schnell klar, die Arbeit für Natur und Heimat sollte fortgesetzt werden. Am 26. Februar 1991 gründeten 48 Bürger im Kurtheater die heutigen Natur- und Heimatfreunde Bad Liebenstein e.V.

Erster Vorsitzender wurde Udo Rommel, ihm folgten Werner Müller und von 2010 bis 2026 Fritz-Eberhard Reich. Seit März 2026 steht Stephan Konietzko an der Spitze des Vereins.

Ein zentraler Schwerpunkt blieb die Betreuung der Burgruine Liebenstein. Zahlreiche ehrenamtliche Arbeitsstunden wurden über die Jahrzehnte geleistet.

Die Mitglieder kümmerten sich um das Umfeld, übernahmen Sicherungsarbeiten und setzten sich dafür ein, die historischen Anlagen für die Öffentlichkeit zugänglich zu halten.

Eine wichtige Entwicklung war 1998 die Übernahme der Burgruine durch die Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Seitdem wird die Sanierung und Restaurierung durch die Stiftung betreut und finanziert. Der Verein unterstützt diese Arbeiten unter anderem durch Spenden und eigene Beiträge.

Die Zusammenarbeit erwies sich als großer Gewinn für die historische Anlage. Reich erinnerte daran, dass die Stadt allein die finanziellen, fachlichen und personellen Herausforderungen rund um Schloss Altenstein und Burgruine kaum hätte bewältigen können.

Dr. Michael Brodführer, re.

Granitstufen, Ida-Denkmal und nächtliche Beleuchtung

Wie groß der ehrenamtliche Einsatz des Vereins war und ist, zeigen zahlreiche konkrete Projekte. Im Jahr 2002 wurden die teilweise kaum noch begehbaren Treppenaufgänge zur Burgruine und zum Aussichtsturm erneuert.

Die schweren Granitstufen mussten aufgrund des schwierigen Geländes teilweise von Hand auf Holzrollen nach oben transportiert werden.

Auch die Zugänge zum Felsentheater wurden erneuert. Für dieses Engagement erhielt der Verein 2004 den Denkmalpreis des Wartburgkreises.

Bereits 2001 wurden mit Unterstützung von Bürgern, Gewerbetreibenden und örtlichen Einrichtungen Strom und Wasser zur Blockhütte verlegt. Seit dem 30. Juni 2001 wird die Burgruine nachts angestrahlt und ist damit auch nach Einbruch der Dunkelheit weithin sichtbar.

Ein weiterer Meilenstein war die Rekonstruktion des nach dem Zweiten Weltkrieg zerstörten Ida-Denkmals. Mit großer Unterstützung aus der Bevölkerung konnte das Denkmal 2004 denkmalgerecht wiedererrichtet werden.

Auch die Blockhütte selbst ist bis heute ein wichtiges Vereinsdomizil. Die dort vorhandenen Wandbilder erzählen von Sagen rund um Bad Liebenstein, darunter von der Entdeckung der Sauerborn-Quelle, den Hunden von Wenckheim und dem eingemauerten Kind auf der Burg.

Forschung macht Geschichte lebendig

Neben praktischen Arbeiten hat die Erforschung der Heimatgeschichte einen hohen Stellenwert. Archäologische Untersuchungen auf dem Burggelände brachten zahlreiche historische Funde ans Licht. Eine detaillierte baugeschichtliche Untersuchung lieferte weitere Erkenntnisse über die Entwicklung der Burg.

Besondere Verdienste erwarb sich Ehrenmitglied Dr. Christine Seige, die seit 2008 intensiv zur Geschichte der Burg Liebenstein und der Familie vom Stein zum Liebenstein forscht.

Ihre wissenschaftliche Arbeit bildete unter anderem die Grundlage für die Ausstellung zum Jubiläum „650 Jahre Burg Liebenstein“ im Jahr 2010 sowie für einen gemeinsam mit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten herausgegebenen Burgführer.

Auch die Erinnerung an die jüdische Geschichte Bad Liebensteins gehört zum Verständnis der Heimatgeschichte. 2021 wurden vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Liebenstein in der Aschenbergstraße vier Stolpersteine verlegt. Damit wurde ein Wunsch von Nachkommen der Familie erfüllt, die Bad Liebenstein 2013 besucht hatten.

Ein weiteres bemerkenswertes Beispiel für den verantwortungsvollen Umgang mit Geschichte war die Rückführung einer Originalurkunde vom 30. September 1715.

Darin wurde die Markgerechtigkeit für „Sauerbrunn unterm Liebenstein“ durch Herzog Ernst Ludwig von Sachsen-Meiningen verliehen. Die Urkunde befindet sich heute wieder im Stadtarchiv Bad Liebenstein.

Geschichte wird auf dem Burggelände zum Theater

Dass Heimatgeschichte nicht trocken und verstaubt sein muss, beweist der Verein auch mit seinen kulturellen Aktivitäten.
Schon die Gründungsväter der Burggemeinde führten Theaterstücke auf.

Diese Tradition wurde in den vergangenen Jahren erfolgreich wiederbelebt. Gemeinsam mit dem SAT-Förderverein Meiningen entstanden die Historienspektakel „Die Weiße Frau“ im Jahr 2023 und „Alrun“ im Jahr 2025.

Die Zusammenarbeit soll fortgesetzt werden. Für 2027 ist bereits das neue Theaterstück „Albrecht der Entartete“ geplant.
Auch das diesjährige 16. Burgfest am 5. und 6. Juni anlässlich „666 Jahre Burgruine Bad Liebenstein“ bezeichnete Reich als großen Erfolg.

Zahlreiche Besucher kamen auf den Burgberg. Musik, Trachtentanz, Feuertänze, Schwertkämpfe, mittelalterliche Darstellungen, ein Gottesdienst und zahlreiche weitere Angebote sorgten für ein abwechslungsreiches Programm.

Dabei zeigte sich auch die verbindende Kraft des Vereins. Zahlreiche Vereine aus Bad Liebenstein und der Region wirkten mit.

Der Männergesangverein „Sängerkranz“ Bad Liebenstein, Sänger aus Barchfeld und Langenfeld sowie die Steinbacher Trachtenkapelle waren ebenso beteiligt wie die Akteure des SAT-Fördervereins Meiningen und Mittelalterdarsteller.

Martina Luther, li.

Engagement über die Stadtgrenzen hinaus

Die Natur- und Heimatfreunde verstehen sich nicht nur als Bewahrer der eigenen Vereinsgeschichte. Sie pflegen zahlreiche Kontakte zu anderen Vereinen und Institutionen.

Enge Verbindungen bestehen unter anderem zum Förderverein Altenstein, den Ortschronisten Schweina, dem SAT-Förderverein Meiningen, dem Heimat- und Geschichtsverein Barchfeld und dem Männergesangverein „Sängerkranz“ Bad Liebenstein. Auch zur französischen Partnerstadt Tréon bestehen freundschaftliche Beziehungen.

Der Verein unterstützt zudem konkrete Projekte. So übernahm er beispielsweise die Kosten von 8.000 Euro für die Restaurierung einer historischen Konsolenuhr aus Schloss Altenstein.

Auch ein besonderes Porträt der Herzogin Charlotte von Sachsen-Meiningen aus einem Familiennachlass wurde jüngst der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten übergeben. Es soll künftig im sanierten Schloss Altenstein einen würdigen Platz erhalten.

Zahlreiche Auszeichnungen für ehrenamtliches Engagement

Dass die Arbeit des Vereins weit über Bad Liebenstein hinaus Anerkennung findet, zeigen zahlreiche Auszeichnungen. 2004 erhielt der Verein den Denkmalpreis des Wartburgkreises.

Werner Müller wurde 2008 mit dem Christian-August-Vulpius-Preis der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten ausgezeichnet. Mehrere Mitglieder erhielten die Ehrenamtscard des Wartburgkreises. Robert Neugebauer wurde mit dem Verdienstorden am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

2026 folgte eine weitere besondere Würdigung. Beim Sommerfest der CDU-Landtagsfraktion im Thüringer Landtag erhielt der Verein den Ehrenamtspreis 2026. Für die Natur- und Heimatfreunde nahmen Stephan und Sebastian Konietzko, Christian Jäger und Martina Luther die Auszeichnung entgegen.

Auch bei der Jubiläumsfeier wurden verdiente Vereinsmitglieder geehrt. Eine Urkunde der Thüringer Ehrenamtsstiftung erhielten Martina Luther, die als Kassenwartin tätig ist, sowie Ehrenmitglied Fritz-Eberhard Reich.

Fritz-Eberhard Reich

Erfolgreicher Generationswechsel

Vorsitzender Stephan Konietzko blickte bei der Jubiläumsfeier nicht nur zurück. Besonders erfreut zeigte er sich darüber, dass in den vergangenen Jahren ein erfolgreicher Generationswechsel gelungen sei. Neue Mitglieder seien hinzugekommen und hätten dem Verein frischen Schwung verliehen.

Dass sich diese Entwicklung auch praktisch bemerkbar macht, zeigte das Burgfest 2026, das der Verein organisatorisch allein durchgeführt hatte.

Konietzko verwies zudem auf kommende Veranstaltungen und Projekte. Die erfolgreiche Verbindung von Heimatgeschichte, Kultur, Vereinsleben und Gemeinschaft soll auch künftig fortgeführt werden.

„Die Freiheit ist von unschätzbarem Wert“

In seinen Grußworten würdigte Beigeordneter Silvio Göring den Verein als Gemeinschaft engagierter Menschen, die sich auch in Zeiten wechselnder politischer Systeme für ihre Heimat eingesetzt habe.

Besonders hob er das Burgfest hervor, bei dem viele Vereine zusammenwirken und damit ein sichtbares Zeichen des Miteinanders setzen. Gleichzeitig dankte er Fritz-Eberhard Reich für dessen langjährige Verdienste.

Landrat Dr. Michael Brodführer zeigte sich beeindruckt von den Menschen, die sich für ihre Heimat einsetzen. Die gute Kooperation der verschiedenen Akteure sei „Gold wert für die Zukunft“.

Zugleich erinnerte er daran, dass der Verein eine spannende und wechselvolle Zeitgeschichte durchlebt habe. Eine wichtige Botschaft aus dieser Geschichte sei, dass Freiheit von unschätzbarem Wert ist.

Auch die Vertreter der befreundeten Vereine überbrachten Glückwünsche zum 100-jährigen Jubiläum und würdigten die langjährige Zusammenarbeit.

Silvio Göring,re.

100 Jahre – und mit Zuversicht in die Zukunft

Die Geschichte der Natur- und Heimatfreunde Bad Liebenstein ist damit weit mehr als eine Chronik von Vereinsgründungen und Veranstaltungen.

Sie ist ein Spiegel der deutschen Geschichte: von der Weimarer Republik über die nationalsozialistische Diktatur und die DDR-Zeit bis zur deutschen Einheit und zur Gegenwart.

Bemerkenswert ist vor allem, dass die Idee der Heimatpflege trotz dieser tiefgreifenden politischen Veränderungen nie vollständig verloren ging. Immer wieder fanden Menschen zusammen, um sich für ihre Stadt, ihre Natur, ihre Kultur und vor allem für die Burgruine Liebenstein einzusetzen.

Heute steht der Verein auf einem guten Fundament. Die Verbindung aus erfahrenen Mitgliedern und einer jüngeren Generation, die neue Ideen einbringt, lässt die Natur- und Heimatfreunde zuversichtlich in die Zukunft blicken.

Die Jubiläumsfeier im Speiseservice Wißler bot dafür den passenden Rahmen. Bei einem gemeinsamen Essen, gepflegten Getränken, zahlreichen interessanten Gesprächen und stimmungsvoller Musik wurde nicht nur auf die vergangenen 100 Jahre zurückgeblickt. Es wurde auch gemeinsam gefeiert, gelacht und getanzt.

So wurde das Jubiläum zu einem würdigen Höhepunkt in der Vereinsgeschichte und zugleich zu einem Zeichen dafür, dass gelebte Heimatverbundenheit auch nach 100 Jahren nichts von ihrer Bedeutung verloren hat.

Infos zum Natur- und Heimatfreunde Bad Liebenstein e.V. : www.heimatfreundebali.de.