Blick in die Geschichte: So kam’s zur Kirmestradition in Frankenheim

Gastbeitrag von Siegfried Hartmann

Die Fragestellung nach dem historischen Ursprung der Kirmesfeierlichkeiten in Frankenheim/Rhön berührt weit mehr als die bloße Datierung eines einzelnen Festaktes.

Sie führt tief in die kulturhistorischen Schichtungen der Hohen Rhön, einer Landschaft, die durch ihre rauen klimatischen Bedingungen, ihre historische Grenzlage und eine tief verwurzelte Religiosität geprägt ist.

Frankenheim, als das höchstgelegene Dorf der Rhön auf 750 bis 780 Metern über dem Meeresspiegel, nimmt hierbei eine Sonderstellung ein.

Die Untersuchung der Kirmes – im lokalen Dialekt oft „Kermes“ genannt – muss daher als eine Analyse der Identitätsstiftung einer Gemeinschaft verstanden werden, die über Jahrhunderte hinweg ihre Traditionen gegen politische Umbrüche, kirchenrechtliche Neuordnungen und architektonische Transformationen verteidigt und adaptiert hat.

Wenn man nach dem „Ab wann“ fragt, so muss differenziert werden zwischen dem archaischen Brauchtum der Kirchweih, das vermutlich bis in die hochmittelalterliche Gründungszeit des Ortes zurückreicht, und der konkreten institutionellen Verankerung am heutigen Termin, die untrennbar mit der Baugeschichte der evangelischen Kirche St. Peter und Paul im späten 19. Jahrhundert verbunden ist.

Diese Monografie wird darlegen, dass, während die rituelle Praxis mittelalterliche Wurzeln aufweist, die moderne Chronologie der Frankenheimer Kirmes mit der Weihe des neugotischen Kirchenbaus im Jahr 1886 ihren entscheidenden Fixpunkt erhielt.

Die Kirmes in Frankenheim ist nicht nur ein religiöses Hochfest, sondern ein soziologisches Phänomen. Sie markiert den Übergang vom agrarischen Arbeitsjahr in die winterliche Ruhephase und dient als Kristallisationspunkt dörflicher Hierarchien, die sich historisch in den „Planburschen“ und heute im „SV Hohe Rhön“ manifestieren.

Historische Fundamente: Die Siedlungsgeschichte und erste Sakralbauten

Die Ersterwähnung und das mittelalterliche Substrat

Um den Ursprung der Kirchweih in Frankenheim zu datieren, ist ein Blick auf die genese der Siedlung unerlässlich. Frankenheim wurde erstmals am 13. April 1228 urkundlich erwähnt.

In der mittelalterlichen Logik der Dorfgründung ist die Existenz einer Siedlung dieser Größenordnung ohne einen sakralen Mittelpunkt kaum denkbar. Die Kirchweih (Kirmes) ist liturgisch das Gedächtnis an die Weihe des Kirchengebäudes.

Demnach ist davon auszugehen, dass bereits im 13. Jahrhundert, kurz nach oder zeitgleich mit der administrativen Erfassung des Ortes, eine erste Kirchweih gefeiert wurde.

Die Quellen verweisen auf eine Vorgängerkirche aus Holz, die an der Stelle des heutigen steinernen Baus stand. Holzkirchen waren in den waldreichen Höhenlagen der Rhön im Mittelalter die Regel.

Diese frühen Bauten waren jedoch anfällig für Witterung und Brand, was ihre archäologische Nachweisbarkeit erschwert. Dennoch bildet die Existenz dieser Holzkirche den Beweis für eine kontinuierliche liturgische Praxis, die Jahrhunderte vor dem Bau der heutigen Kirche im Jahr 1885 begann.

Die Kirmestradition in Frankenheim ist somit nicht erst ein Produkt der Neuzeit, sondern ein fortlaufendes Band, das die Gemeinde seit dem Hochmittelalter zusammenhält.

Territoriale Konflikte und konfessionelle Prägung

Die Geschichte Frankenheims und damit auch seiner Feste ist geprägt durch die komplexe Territorialgeschichte. Über Jahrhunderte war der Ort Zankapfel zwischen dem Kloster Fulda, dem Bistum Würzburg und der Grafschaft Henneberg.

Diese Auseinandersetzungen endeten erst 1569 mit einem Vergleich zugunsten Hennebergs. Diese politische Zuordnung hatte weitreichende konfessionelle Folgen.

Mit der Zugehörigkeit zum Amt Kaltennordheim und später zu SachsenWeimar-Eisenach wurde Frankenheim protestantisch geprägt, im Gegensatz zum nur wenige Kilometer entfernten, katholisch gebliebenen Frankenheim (Bischofsheim) in Bayern.

Diese konfessionelle Weichenstellung ist für die Datierung und den Charakter der Kirmes entscheidend. Während katholische Kirchweihfeste oft stark an den Namenstag des Patrons gebunden blieben (Patrozinium), neigten evangelische Territorien – besonders unter dem Einfluss landesherrlicher Ordnungen im 18. und 19. Jahrhundert – dazu, die Kirchweihfeste auf den Herbst zu verlegen, um sie mit dem Erntedankfest zu synchronisieren und die Zahl der arbeitsfreien Feiertage zu reduzieren.

Die Tatsache, dass die Frankenheimer Kirmes heute im Oktober gefeiert wird , entspricht dieser typisch protestantischen Tradition der „Allerweltskirchweih“ oder Herbstkirmes, die sich vom ursprünglichen Patrozinium der Apostel Peter und Paul (29. Juni) gelöst hat.

Die architektonische Zäsur von 1886: Geburt der modernen Kirmes

Das entscheidende Datum für die Beantwortung der Frage „Ab wann?“ in ihrer modernen Ausprägung ist das Jahr 1886. Die Quellenlage ist hier eindeutig: Die heutige evangelische Kirche St. Peter und Paul wurde in den Jahren 1885 bis 1886 erbaut.

Der Neubau unter Karl Weise

Der Zustand der alten Holzkirche muss im späten 19. Jahrhundert desolat oder für die wachsende Gemeinde nicht mehr ausreichend gewesen sein. Der Neubau wurde von keinem Geringeren als dem großherzoglichen Landbaumeister Karl Weise entworfen.

Weise konzipierte einen Bau im Stil der Neogotik. Dieser historistische Rückgriff auf gotische Formen war im späten 19. Jahrhundert programmatisch: Er sollte die Würde und das Alter der christlichen Tradition betonen, auch wenn das Gebäude selbst neu war.

Die Kirche wurde als einfacher, aber „schmucker“ Bau ausgeführt, der der wirtschaftlichen Situation des Dorfes – oft als „Armenhaus der Rhön“ bezeichnet – Rechnung trug.

Die Fertigstellung und feierliche Weihe dieses steinerne Bauwerks im Jahr 1886 markiert den liturgischen Nullpunkt für die heutige Kirmesrechnung. Auch wenn man zuvor Kirmes feierte, so feiert man seit 1886 spezifisch die Weihe dieses Hauses Gottes.

Die Datierung im Oktober

Warum wird die Kirmes im Oktober gefeiert, wenn die Heiligen Peter und Paul im Juni ihren Gedenktag haben? Die Antwort liegt in der Baugeschichte und der agrarischen Logik.

Bauvollendung: Kirchenbauten wurden in den rauen Lagen der Rhön vorzugsweise im Sommer vorangetrieben, um das Dach vor dem ersten Schnee (der in Frankenheim früh fallen kann) geschlossen zu haben. Eine Weihe im Herbst (Oktober) nach Abschluss der Bauarbeiten und der Ernte ist daher bautechnisch plausibel.

Brauchtumskalender: Die Kirchweih im Oktober markiert das Ende des landwirtschaftlichen Jahres. In Frankenheim, wo Weberei und Holzwarenherstellung neben der kargen Landwirtschaft dominierten , war der Oktober der Zeitpunkt, an dem die Vorräte eingebracht waren und Zeit für ein mehrtägiges Fest bestand.

Die aktuelle Praxis bestätigt diese historische Herleitung: Die Kirmes findet traditionell am zweiten oder dritten Wochenende im Oktober statt (z.B. 11.–14. Oktober 2024 oder 13.–16. Oktober 2023).

Diese Konstanz über die Jahre hinweg ist ein starkes Indiz dafür, dass sich das Fest im kollektiven Gedächtnis fest an den Weihetermin oder den traditionellen Herbsttermin der 1886er Kirche gekoppelt hat.

Soziokulturelle Trägerschaft: Von den Planburschen zum Sportverein

Eine historische Betrachtung der Kirmes wäre unvollständig ohne die Analyse ihrer Organisatoren. Die Frage „Seit wann wird gefeiert?“ impliziert auch „Durch wen wird gefeiert?“.

Die Ära der Planburschen und der Tanzlinde

Historische Berichte aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert dokumentieren eine lebendige Kirmeskultur in Frankenheim, die von der Dorfjugend getragen wurde.

Eine Quelle aus dem Jahr 1963 zitiert Beobachtungen, wonach „auch in Frankenheim die Burschen mit den Mädchen ihrer Wahl am ‚Kirwa‘...“ ziehen. Zentrales Element war hierbei der Plantanz.

Der „Plan“ war der festlich hergerichtete Tanzplatz, oft unter einer zentralen Dorflinde. Die Organisation lag in den Händen der unverheirateten jungen Männer, der sogenannten „Planburschen“ oder „Platzknechte“.

Diese bildeten eine Festgenossenschaft auf Zeit. Interessant ist hierbei der Hinweis auf obrigkeitliche Regulierungen: Um die Erlaubnis zur Kirmes einzuholen, mussten die Burschen vor den Augen eines Beamten die „drei ersten Reihen“ tanzen, bevor der Zug zur Linde gehen durfte.

Dieser Ritus deutet auf eine tief verwurzelte Tradition hin, die weit vor 1886 zurückreicht, da solche Regulierungen (etwa durch den Fuldaer Fürstbischof Heinrich von Bibra um 1780) schon im 18. Jahrhundert griffen, um „unbedeutende Bauerngebräuche“ zu ordnen oder zu erhalten.

Das Fortleben des Plantanzes in Frankenheim beweist die Resilienz lokaler Bräuche gegenüber staatlichen und kirchlichen Eingriffen.

Der Strukturwandel: SV Hohe Rhön als moderner Träger

Im 20. Jahrhundert, spätestens in der zweiten Hälfte, vollzog sich ein Wandel in der Trägerschaft. Die losen Verbände der Dorfjugend wurden zunehmend von festen Vereinsstrukturen abgelöst, was oft auch haftungsrechtliche und organisatorische Gründe hatte. In Frankenheim übernahm der SV Hohe Rhön (Sportverein Hohe Rhön Frankenheim) die Federführung.

Der Sportverein, der 2019 sein 50-jähriges Bestehen feierte (Gründung ca. 1969), ist heute der offizielle Veranstalter. Die Kirmesgesellschaft, bestehend aus Kirmesburschen und -mädels, agiert heute faktisch als Abteilung oder unter dem Dach des Vereins.

Dies sichert die finanzielle Basis des Festes, das mittlerweile Größenordnungen angenommen hat, die eine professionelle Infrastruktur erfordern.

Phänomenologie des Festes: Ablauf und Traditionselemente

Die Kontinuität der Kirmes zeigt sich am stärksten in ihrem rituellen Ablauf. Trotz der Modernisierung (elektrische Verstärker statt reiner Blasmusik, Halle statt Linde) folgt das Fest einer strengen Dramaturgie, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat.

Der Freitag: Liturgischer Auftakt und das „Antrinken“

Das Festwochenende beginnt traditionell am Freitagabend. Bemerkenswert ist die Beibehaltung des Kirmesgottesdienstes (z.B. um 19:00 Uhr). Dies ist keine Selbstverständlichkeit in einer säkularisierten Gesellschaft und unterstreicht die Bindung an das Gotteshaus St. Peter und Paul. Der Gottesdienst dient der geistlichen Legitimation des Festes.

Unmittelbar danach erfolgt der Übergang in den profanen Teil: Das „Antrinken“. Dieser Brauch, der im „Rhöner Sternenhimmel“ stattfindet , markiert den sozialen Startschuss. Es ist der Moment, in dem die Kirmesgesellschaft die Herrschaft über das Dorfleben übernimmt.

Der Samstag: Einmarsch und Hierarchie

Der Samstagabend steht im Zeichen der Repräsentation. Der feierliche Einmarsch der Kirmesgesellschaft in die Hochrhönhalle ist der Höhepunkt. Hier werden die Kirmespaare der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Unterscheidung in „große und kleine Kirmespaare“ deutet auf eine inklusive Strategie hin, die bereits Kinder und Jugendliche in das Brauchtum sozialisiert (Nachwuchsförderung).

Musikalisch wird dieser Abend oft von modernen Partybands (wie „CASSANDRA“) gestaltet, was den Wandel vom traditionellen Blasmusikabend zur modernen Tanzveranstaltung dokumentiert. Wettbewerbe wie das „Kuchenwettessen“ sind volkstümliche Belustigungen, die den Gemeinschaftscharakter stärken.

Der Sonntag: Umzug und Kinderkirmes

Der Sonntag bildet das Herzstück der öffentlichen Darstellung. Der Kirmes-Umzug am Morgen ist eine Prozession, bei der die Kirmesgesellschaft durch das Dorf zieht. Dies kann als säkularisierte Form der Flurprozession gedeutet werden, bei der der Raum des Dorfes symbolisch abgeschritten und in Besitz genommen wird.

Der Nachmittag gehört den Familien. Angebote wie „Gückelschlagen“ (ein alter Brauch, bei dem mit verbundenen Augen nach einem Topf – früher einem Hahn – geschlagen wird) und moderne Elemente wie Airbrush-Tattoos zeigen die Mischung aus Tradition und Moderne.

Der freie Eintritt und das Angebot von Kaffee und Kuchen unterstreichen den Charakter als offenes Gemeindefest. Kulinarisch wird der Sonntagabend traditionell mit Kesselfleisch begangen , einem Schlachtfest-Essen, das an die herbstliche Schlachtzeit erinnert.

Der Montag: Der Ausklang in der „Schweinebucht“

Der Kirmesmontag, historisch oft als „Blauer Montag“ arbeitsfrei gehalten, wird in Frankenheim noch immer zelebriert, wenn auch in reduzierter Form.

Das „Ausklingen“ der Kirmesburschen und -mädels in der „Schweinebucht“ ist ein intimerer Abschluss, der den harten Kern der Festgemeinschaft versammelt, bevor der Alltag wieder einkehrt.

Der Ort des Geschehens: Von der Holzkirche zur Hochrhönhalle

Die räumliche Verortung der Kirmes hat sich analog zur baulichen Entwicklung des Dorfes verschoben.

Die Kirche als spirituelles Zentrum

Die Kirche St. Peter und Paul ist der Anlass, aber nicht mehr der alleinige Ort der Feier. Ihre Baugeschichte ist jedoch prägend. Die Renovierungen der jüngeren Zeit, insbesondere das LEADER-Projekt „Grenzenlose Kirche“, haben den Raum aufgewertet.

Die Neugestaltung der Seitenräume thematisiert die ehemalige innerdeutsche Teilung. Dass die Kirche heute als „Begegnungsort“ auch für Wanderer offensteht , spiegelt die Öffnung der Kirmes für Touristen wider.

Die Kirche selbst ist ein Denkmal der Resilienz: Hagelschäden im Juni 2006 beschädigten das Dach schwer, woraufhin eine umfassende Sanierung inklusive neuer Turmbekrönung (2008) erfolgte. Diese Investitionen der Gemeinde zeigen, dass die Kirche – und damit der Anlass der Kirmes – weiterhin einen zentralen Stellenwert im Bewusstsein der Frankenheimer hat.

Die Hochrhönhalle als profanes Zentrum

Während früher unter der Linde oder in engen Wirtshaussälen getanzt wurde, verfügt Frankenheim heute mit der Hochrhönhalle über eine moderne Mehrzweckhalle.

Diese Halle ermöglicht es dem SV Hohe Rhön, das Fest wetterunabhängig und in großem Maßstab durchzuführen. Die Halle ist so zum profanen Gegenpol der Kirche geworden – hier findet die weltliche Feier statt, während in St. Peter und Paul der sakrale Ursprung gewahrt bleibt.

Exkurs: Die Verwechslungsgefahr mit Frankenheim (Bayern)

Bei der historischen Analyse ist höchste Sorgfalt geboten, um Frankenheim/Rhön (Thüringen) nicht mit dem gleichnamigen Ortsteil von Bischofsheim in der bayerischen Rhön zu verwechseln.

Diese Unterscheidung ist essenziell, da beide Orte eine lebendige Kirmestradition pflegen.

Frankenheim/Rhön (Thüringen):

  • PLZ/Lage: 98634 / Hohe Rhön
  • Kirche: Ev. St. Peter und Paul (1886)
  • Hauptorganisator: SV Hohe Rhön
  • Veranstaltungsort: Hochrhönhalle
  • Kirmestermin: Mitte Oktober

Frankenheim (Bayern/Bischofsheim)

  • PLZ/Lage: 97653 / Bayerische Rhön
  • Kirche: Kath. St. Kilian
  • Hauptorganisator: Trachtenkapelle Frankenheim / Vereine
  • Veranstaltungsort: Rhönhalle / Sportgelände
  • Kirmestermin: Ende Oktober

Die Quellen zeigen, dass die Trachtenkapelle Frankenheim (oft assoziiert mit dem bayerischen Ort aufgrund der Termine und der katholischen St. Kilian Kirche in den Snippets ) eigene Kirmestermine Ende Oktober hat.

Für die hier behandelte Fragestellung ist jedoch der Termin Mitte Oktober in der Hochrhönhalle (Thüringen) ausschlaggebend. Diese Koexistenz zweier Kirmesfeste in so enger räumlicher Nähe (nur wenige Kilometer Luftlinie) ist ein faszinierendes Zeugnis der kulturellen Einheit des Kulturraums Rhön über politische und konfessionelle Grenzen hinweg.

Die Kirmes im Schatten der Grenze: DDR und Wiedervereinigung

Ein spezifischer Aspekt der Frankenheimer Kirmesgeschichte ist die Lage im ehemaligen Sperrgebiet der DDR. Frankenheim lag in unmittelbarer Nähe zum „Eisernen Vorhang“, der Dreiländerecke Thüringen-Hessen-Bayern.

Zu DDR-Zeiten war der Zugang zum Ort stark reglementiert. Dennoch fanden Kirmesfeiern statt, oft als Ventil für die lokale Bevölkerung und als Mittel zur Aufrechterhaltung der dörflichen Identität gegen den staatlichen Konformitätsdruck. Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft in LPGs veränderte die ökonomische Basis, aber nicht den Festwillen.

Nach der Wiedervereinigung 1989/90 erlebte die Kirmes eine Renaissance. Die Öffnung der Grenzen ermöglichte es, alte Verbindungen ins Hessische und Bayerische wiederzubeleben.

Die Sanierung der Kirche und die Thematisierung der Geschichte als „Grenzenlose Kirche“ sind direkte Folgen dieser Entwicklung. Die Kirmes heute ist somit auch ein Fest der wiedergewonnenen Freiheit und der offenen Grenzen.

Fazit: Eine Tradition mit doppeltem Boden

Auf die Frage „Ab wann wurden die Kirmes in Frankenheim Rhön gefeiert?“ gibt es eine doppelte Antwort, die der historischen Komplexität gerecht wird:

Im rituellen Sinne: Die Kirmes wird in Frankenheim seit dem Hochmittelalter (ca. 13. Jahrhundert) gefeiert. Mit der Ersterwähnung 1228 und der Existenz einer hölzernen Vorgängerkirche ist eine kontinuierliche Tradition der Kirchweih belegt, die sich in Bräuchen wie dem Plantanz bis in die Neuzeit rettete.

Im chronologischen Sinne: Die heutige Kirmes, datiert auf Mitte Oktober und bezogen auf das aktuelle Kirchengebäude, wird seit 1886 gefeiert. Die Weihe der von Karl Weise erbauten St. Peter und Paul Kirche in jenem Jahr ist der konstituierende Moment für den modernen Festkalender.

Die Frankenheimer Kirmes ist somit ein lebendiges Palimpsest: Unter der Oberfläche des modernen Events in der Hochrhönhalle, organisiert vom Sportverein, schimmern die Konturen der mittelalterlichen Kirchweih und die strenge neugotische Ordnung des späten 19. Jahrhunderts hindurch.

Sie ist der Beweis für die Behauptungswillen einer kleinen Berggemeinde, die als „höchstes Dorf der Rhön“ nicht nur dem rauen Wind, sondern auch den Stürmen der Geschichte getrotzt hat.

Das Fest ist heute mehr als nur Erinnerung; es ist durch die Integration neuer Generationen (Kleine Kirmespaare) und die Öffnung für Gäste ein vitaler Bestandteil der Zukunft Frankenheims. Die Kirmes bleibt, wie es der Dialekt sagt, der Zeitpunkt im Jahr, an dem in „Frankeme“ alles „schü“ (schön) ist.

Wer sich selbst ein Bild von der Frankenheimer Kirmes machen möchte, ist vom 4. bis 7. September 2026 herzlich in die Hohe Rhön eingeladen!